Radtour zu typischen Beispielen sog. Arisierung von Haus und Grundbesitz

6 Haltepunkte

»Ausgangspunkt unserer Tour ist der Vegesacker Bahnhof«

Anregungen hierfür erhielten wir nach Lektüre der gleichnamigen Veröffentlichung: Hrsg: „Erinnern für die Zukunft e.V.“, III Fallbeispiele; von Hanno Balz, dem wir für seine freundliche Unterstützung hier ausdrücklich danken wollen.

Sie lässt sich gut kombinieren mit dem Rundgang: „Bremen Nord

ASiegmund Wolff, jüdischer Kaufmann aus Vegesack

Die Mitglieder der Familie Wolff waren in Bremen-Vegesack durch ihr kulturpolitisches Engagement bekannt und angesehen – sie konnten als Vorzeigebeispiel assimilierter deutscher Juden gelten.

Siegmund Wolff, geboren 1863 in Vegesack, hatte lange Zeit dem dortigen Stadtrat angehört und war Inhaber eines Betten- und Manufakturwarengeschäftes. Verheiratet war er mit Selma, geborener Bry. Sein Vetter Jacob Wolff war Gemeindevorsteher der Aumunder Synagoge, sein Sohn Harry war Inhaber eines Kaffeevertriebs und darüber hinaus Autor eines Heimatführers mit dem Titel »Bremer Land«.285

Siegmund Wolff besaß die beiden Häuser in der Vegesacker Hafenstraße 20 und 23.  In einem war das Geschäft untergebracht, in dem anderen wohnte das betagte Ehepaar Wolff. Anfang Januar 1939 wurde mit der »Abwicklung« des Geschäftes begonnen. Für diese wurde der Bücherrevisor und Steuerberater Josef Timmes von der Industrie- und Handelskammer bestellt, der das Geschäft am 6. Januar abmeldete. Timmes Auskunft nach hatten sowohl Warenlager als auch Inventar des Geschäftes nur noch geringen Wert – zu wenig, um die Gläubiger bezahlen zu können. Daher mussten, laut »Abwickler« Timmes, auch die Grundstücke verkauft werden:

»Um zu verhüten, dass die Gläubiger Verluste erleiden, schlage ich vor nach der Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3/ 12.38 die notwendigen Anordnungen treffen zu lassen, damit die Grundstücke Vegesack Hafenstraße 23 und Hafenstraße 20 verkauft werden und der Erlös in die Abwicklungskasse fließt. Diese vorgeschlagene Regelung würde wegen der schnelleren Erledigung bestimmt mehr im Interesse der Gläubiger liegen als ein Antrag auf Eröffnung des Konkursverfahrens. « 286

Einige Tage später lehnte der Regierende Bürgermeister, Abteilung Innere Verwaltung, diesen Vorschlag jedoch ab: Maßnahmen zum Entzug jüdischen Vermögens seien nicht nötig, es solle wie bisher geregelt vom »Abwickler« ein Konkursverfahren eröffnet werden, so dass dann auch das Grundvermögen des Schuldners herangezogen werden könnte. 287

Inzwischen hatte sich in der Vegesacker Gegend die geplante »Arisierung« des Wolff’ schen Geschäftes herumgesprochen. Ein Interessent wandte sich am 11. Januar 1939 an den Bremer Polizeipräsidenten:

»Endesunterzeichneter ist gewillt, arisieren zu helfen. Will das Haus des Juden Wolff in Vegesack Havenstraße 20 kaufen. Ich wünsche das dort seit 100 Jahren bestehende Textilwarengeschäft weiterzuführen. Ich bin aus der Branche und führe seit 14 Jahren schon ein solches Geschäft in Lemwerder. Ein großer Teil meiner Kundschaft ist von Vegesack, Grohn und Aumund und Blumenthal; Heil Hitler! Georg Stellmann«.288

Auf Seiten der Behörde war die Liquidierung des Geschäftes jedoch schon beschlossene Sache. Dem »arisierwilligen« Textilhändler Stellmann wurde lapidar mitgeteilt: »Für die Weiterführung des Geschäftes bestehen keine volkswirtschaftlichen Gründe. « 289»Abwickler« Timmes brachte im Laufe des Liquidationsverfahrens die Eheleute Wolff dazu, sich zumindest auf den Verkauf eines ihrer beiden Häuser einzulassen. Allerdings sollten aus dem Verkaufserlös zunächst die Judenvermögensabgabe von 6167 RM gezahlt werden. Die Gläubiger des Geschäftes mussten zu ihrem Unwillen zunächst hintanstehen, worauf Timmes diesen vorwarf »Wer nach 1933 noch die Juden durch Lieferungen und Kredite unterstützte, tat dies auf eigenes Risiko. « 290

Timmes fand daraufhin recht bald einen Käufer für die Hafenstraße 20 im Geschäftsführer der Gleistein-Tauwerkfabrik, Georg Rasch. Bei einem Taxat von 30.000 RM wurde das Grundstück am 12. Mai 1939 für 17.100 RM verkauft. Käufer Rasch drängte die Behörde auf eine schnelle Genehmigung des Verkaufs, denn er beabsichtigte, in dem Haus neu angesiedelte sudetendeutsche Arbeitskräfte für seine Fabrik unterzubringen. 291 Kurz darauf, ihr Wohnhaus war verkauft, wurden die Eheleute Wolff in das »Judenhaus« in der Parkstraße 1 umquartiert.

Siegmund Wolff war dieser Belastung nicht gewachsen: Er starb am 8. Februar 1940. Seine Frau Selma versuchte das Haus in der Hafenstraße 23 noch zu veräußern, bevor auch sie dazu nicht mehr in der Lage sein sollte. Am 19. Januar 1942 wurde ein Kaufvertrag mit dem Klempnermeister Anton Schröder unterschrieben, der es für günstige 27.500 RM erwarb (bei einem Taxat von 40.000 RM) Wenige Monate später wurde Selma Wolff nach Theresienstadt deportiert, wo sie 1945 starb. 285 -2901Die >Arisierung< von jüdischem Haus- und Grundbesitz in Bremen, Hrsg: >Erinnern für die Zukunft e.V.<, III Fallbeispiele; von Hanno Balz[/fn]

Fußnoten

    BHellmuth Stutzer, »arischer« Rechtsanwalt – verhilft zur Flucht

    Hellmuth Stutzer war, seit den letzten jüdischen Anwälten die Zulassung entzogen wurde, der Rechtsberater der jüdischen Gemeinde in Bremen. Aufgrund dieser Tätigkeit war er auch mit der Witwe Auguste Michel bekannt, die aktiv an der Gemeindearbeit teilnahm und zuvor schon dem Schwesternbund der jüdischen Kaiser-Friedrich-Loge vorgestanden hatte. 311

    1938 erbte Auguste Michel von ihrem Mann Jacob das Wohnhaus in der Rembrandtstraße 25. 312 Sie wohnte dort mit ihrer Tochter und Enkelin und bemühte sich um eine Auswanderung, nachdem bereits eine andere Tochter Ende 1938 in die USA geflohen war. 313 Die Ausstellung eines Visums für Kuba zögerte sich jedoch monatelang hinaus. Inzwischen war ihr Haus zu einem »Judenhaus« erklärt worden, so dass Auguste Michel mit ihrer Tochter dort zeitweise mit 17 anderen jüdischen Bremern unter einem Dach wohnte. 314

    Erst im Sommer 1941 gab es die Aussicht, ein Visum zu erhalten und so regelte sie mit Stutzer den Verkauf ihres Hauses. Laut Vertrag vom 16. August 1941 war als Käuferin die Ehefrau Stutzers, Eleonore, eingetragen. 315

    Bei einem Taxat von 35.000 RM war der Kaufpreis von 34.000 RM Ausdruck guten Willens, nicht einmal der Stopppreis von 80% des Taxats wurde eingehalten. Deshalb schaltete sich auch das Katasteramt ein und forderte Stutzer auf den Kaufpreis um mindestens 3.000 RM zu drücken. Stutzer ließ sich jedoch nicht beirren und konnte sich kraft seiner Autorität als Rechtsanwalt und Notar gegenüber dem Katasteramt durchsetzen.

    Dies war umso erstaunlicher, als es sich bei diesem Hausverkauf um einen der letzten »freien« Verkäufe in Bremen gehandelt hatte. Aufgrund der verzweifelten Situation Michels, noch die letzte Möglichkeit zur Flucht zu nutzen, hätte der Kaufpreis erheblich gedrückt werden können.

    Stutzer jedoch wusste, wie dringend Auguste Michel das Geld aus dem Verkauf brauchte, um der Reichsvereinigung der Juden die Kosten für die Passage nach Kuba zu erstatten, die diese vorher für sie ausgelegt hatte. Aufgrund der Hilfsbereitschaft Stutzers gelang es Auguste Michel mit ihrer Tochter und Enkelin, zwei Wochen nach Unterzeichnung des Kaufvertrages mit dem letzten Transport überhaupt aus Deutschland zu entkommen und nach Kuba auszuwandern.

    Stutzer wurde seine vorzeitige Auszahlung des Kaufbetrags von der Gestapo vorgehalten. Laut Gestapo würde er das Grundstück auf diese Weise nicht bekommen und sollte sich »sein Geld zurückholen«. Vorerst wurde sein Haus von der Gestapo beschlagnahmt. 316Doch Stutzer strengte zwei Gerichtsverhandlungen zur Klärung der Frage an. Erst nachdem er in dieser Angelegenheit beim Reichsinnenministerium interveniert hatte, bekam er sein Grundstück zurück.

    Quelle: Die >Arisierung< von jüdischem Haus- und Grundbesitz in Bremen, Hrsg: >Erinnern für die Zukunft e.V.<, III Fallbeispiele; von Hanno Balz

    CErpresst und schikaniert: Hermann Strassberg, jüdischer Kaufmann

    Strassberg war Inhaber eines Konfektionsgeschäftes in der Sögestraße 37/39, das er jedoch im Herbst 1933 aufgab.1Die >Arisierung< von jüdischem Haus- und Grundbesitz in Bremen, Hrsg: >Erinnern für die Zukunft e.V.<, III Fallbeispiele; von Hanno Balz[/fn]Trotzdem blieb er Besitzer des Hauses und vermietete das Ladengeschäft an die Firma »WMF«. Er selbst dachte an eine Beteiligung an einem Bekleidungsgeschäft in Berlin, das ihm seiner Meinung nach größere Anonymität gewährleisten würde. Aufgrund der Schwierigkeit, in Bremen eine geschäftliche Existenz aufrechtzuerhalten, reifte bei ihm der Entschluss, sein Grundstück in bester Bremer Geschäftslage zu verkaufen. So trat er 1935 in Verkaufsverhandlungen mit der Firma WMF. Die Grundstücksmaklerfirma »Edzard, Franke & Co. « betonte die günstige Gelegenheit, die sich hier bot: »Bei der augenblicklichen Mieteinnahme des ganzen Hauses in Höhe von RM 2.256.- würden Sie um ca. RM 5.000,- p.a. billiger wohnen können. Wir sollten meinen, dass, falls Sie überhaupt daran denken, ein eigenes Haus in Bremen zu besitzen, das augenblickliche Angebot des Herrn Strassberg, bei zurzeit stark ermäßigten Zinssätzen, einen Anreiz für sie bieten müsste, dieses Grundstück käuflich zu erwerben. « 294

    Offenbar reichte dieser »Anreiz« – Strassberg wollte das Grundstück bei einem Taxat von 278.000 RM für 200.000 RM verkaufen – der Firma WMF nicht, jedenfalls zog sie sich aus den Verkaufsverhandlungen zurück. Daraufhin senkte Strassberg seine Forderung noch einmal und fand in den Schwestern Marie Knigge und Käthe Kretzschmer (geb. Knigge) zwei Käuferinnen. Marie Knigge vertrat hierbei ihren Mann Diedrich Knigge, der in jenem Haus das Ledergeschäft »Koffer Knigge« betrieb.

    Vor Unterzeichnung des Kaufvertrags vom 12. September 1935 überschlugen sich jedoch die Ereignisse; aufgrund einer Denunziation von Angestellten eines gegenüberliegenden Geschäftes, Strassberg habe sich ihnen am Fenster seines Hauses »unsittlich genähert«, wurde er für vier Tage in Untersuchungshaft genommen. Weitere Ermittlungen wurden jedoch fallen gelassen.

    Der Kaufvertrag wurde nun abgeschlossen und Strassberg verkaufte das Grundstück für 186.000 RM an die beiden Schwestern. Später bemerkte sein Häusermakler Pollmann, dass, hätte man sich mit der Käufersuche mehr Zeit gelassen, sicher auch ein Kaufpreis von 225.000 RM möglich gewesen wäre. Kurz nach Abschluss des Vertrages flüchtete Strassberg nach Rotterdam und von dort weiter nach Palästina. Zuvor hatte ihm sein Notar den Kaufpreis in großen Noten ausgezahlt, die er mit nach Palästina nehmen konnte. Von Rotterdam schrieb er seinem Notar, Dr. Lemke, am 15.10.1935: »(…) Die Ihnen bekannten letzten Ereignisse haften noch immer im stärksten Maße an mir und sind nicht spurlos an mir vorübergegangen. Der Gedanke einer haltlosen und nichtswürdigen Regierung wegen unschuldig zu Gefängnis verurteilt zu werden, machte mir das Leben zu einer Qual und Hölle.

    Dazu kam für mich die riesengroße Gefahr nach den neuen Nürnberger Gesetzen auch wegen Rassenschande auf die Anklagebank zu kommen. Die wiederholten anonymen Anrufe und Drohungen gaben mir den Beweis, dass ich mit einer solchen Möglichkeit rechnen musste. Überall sah ich für mich Gefahren. Ich schäme mich, Ihnen sagen zu müssen, dass ich aus diesen für mich so schwerwiegenden Gründen, ganz besonders aber aus meiner grenzenlosen Nervosität heraus, einen Schritt unternommen habe, den Sie, sehr geehrter Herr Dr. Lemke, weder verstehen, noch viel weniger billigen werden. Ich habe mein Domizil in Deutschland aufgegeben und bin nach Übersee ausgewandert. Ich bedaure diesen Entschluss, denn ich weiß dass ich Ihnen mit meinem Schritt sicher eine große Enttäuschung bereitet habe, auch bin ich überzeugt davon, dass Sie etwas derartiges von mir nie erwartet hätten, doch konnte ich nicht anders. Mein Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag und war schließlich derart unerträglich dass es für mich nur 2 Wege gab, – Schluss zu machen oder weggehen. (…) Ich bin ehrlich genug Ihnen einzugestehen, dass ich mich meiner Feigheit schäme. Dieser Feigheit ist es auch zuzuschreiben, dass ich bis zum htg. Tage noch nicht einmal meine Angehörigen benachrichtigt habe, ich bin es nicht im Stande und wäre Ihnen von ganzem Herzen dankbar, wenn Sie das tun würden.« 295

    Ein Jahr später, nachdem sich Strassberg in Palästina eine neue Existenz aufgebaut hatte, wurde er in Abwesenheit wegen »Reichsfluchtsteuerhinterziehung« zu einem Bußgeld von 30.000 RM und einer Haftstrafe von eineinhalb Jahren verurteilt.

    Fußnoten

      DLeo Neumann, jüdischer Unternehmer musste fliehen und wurde erpresst

      Das Oberfinanzpräsidium (OFP) machte Leo Neumann, dem damaligen Eigentümer des Gebäudes, in dem jetzt das Kaufhaus KARSTADT untergebracht ist, verzweifelt Angebote, um direkten Zugriff auf seine Immoblien zu erhalten. Erst als 1939 der Regierende Bürgermeister den Reichwirtschaftsminister um eine »zwangsweise Entjudung« des Grundstücks in der Oberstraße wegen Mangels an Büroraum bat, ging diese Rechnung auf. Leo Neumann, der zu dem Zeitpunkt bereits in der Schweiz lebte, zögerte und – bedroht mit der zwangsweisen Veräußerung des Grundstücks – willigte schließlich in den Verkauf an die Salamander AG mit billigender Inkaufnahme erheblicher Verluste ein. Das komplette Dokument zu Leo Neumann.

      Quelle: Die >Arisierung< von jüdischem Haus- und Grundbesitz in Bremen, Hrsg: >Erinnern für die Zukunft e.V.<, III Fallbeispiele; von Hanno Balz

      ERichard Holst, »arischer« Kaufmann, kein ehrlicher Händler

      Holst betrieb mit seinem Geschäftspartner Bremer das Bekleidungsgeschäft »Holst & Bremer« Vor dem Steintor 153. Das Nachbarhaus Nr. 155 gehörte Selma Beverstein (geb. Rothschild).  Seit 1925 mieteten Holst & Bremer auch das Ladenlokal Beversteins, da sie ihr Hauptgeschäft erweitern wollten. Von 1929 bis 1935 war Holst Rechnungsführer des Reichsbundes des Textileinzelhandels, dann von 1935 bis 1945 Leiter der Bezirksfachgruppe Bekleidung der Einzelhandelsabteilung bei der Bremer Handelskammer und dort vornehmlich zuständig für die »Arisierungen« der jüdischen Bekleidungsgeschäfte und trat daher 1937 in die Partei ein. Diese Funktion und seine unglaubliche antisemitische Hetze ermöglichen es ihm, auch Beversteins Gebäude zu erwerben. Mehr dazu unter Richard Holst1

      Fußnoten

      1. Quelle: Die >Arisierung< von jüdischem Haus- und Grundbesitz in Bremen, Hrsg: >Erinnern für die Zukunft e.V.<, III Fallbeispiele; von Hanno Balz

      FZwangsverkauf einer “Mikwe” in der Neustadt

      1899 wird im Bremer Adressbuch für den Stadtteil Huckelriede eine „Jüdische Badeanstalt“ in der Vohnenstraße 3 erwähnt. Gegründet wurde diese „Mikwe“ als private Einrichtung durch die streng religiöse jüdische „Schomre Schabbos“- Gemeinde. Mikwen haben im Judentum eine hohe religiöse Bedeutung. Sie dienen insbesondere Frauen der rituellen Waschung mit fließendem Quellwasser.

      Die Angehörigen der „Schomre Schabbos“- Gemeinde kamen ursprünglich aus Ost-Europa und lebten überwiegend in Bremen-Sebaldsbrück. Ihre Suche nach einem geeigneten Standort für die Mikwe führte sie in das durch Arbeiter- und Handwerkerfamilien geprägte Wohngebiet Huckelriede. Auf Initiative von Moses Schragenheim wurde eine Eigentümergemeinschaft gebildet und das Haus in der Vohnenstraße gekauft. Schragenheim besaß am Ende der Straße zwei Weidegrundstücke.

      Für den Betrieb der Mikwe wurde im Kellergeschoss das typische Tauchbecken mit einer Verbindung zur fließenden Quelle eingerichtet. Ebenso Aufenthalts- und Umkleidemöglichkeiten. In den oberen Stockwerken befand sich die Hausmeisterwohnung. Hier wohnte Familie Schillig. Emma Schillig arbeitete dort als Verwalterin des Hauses, ihr Sohn Rudolf als Hausmeister. Nach mehr als zwei Jahrzehnten des Mikwe-Betriebes versuchte die Eigentümergemeinschaft 1923 die Einrichtung inklusive Gebäude und Grundstück an die Israelitische Gemeinde in der Kolpingstraße zu verschenken. Diese lehnte die Schenkung allerdings ab, da die Voraussetzungen für einen modernen Badebetrieb nicht gegeben waren. In der Folge wurden die Räume des Bades modernisiert, neu gefliest und eine Heizanlage eingebaut. Vor diesem Hintergrund ist zu erklären, dass die gesamte Liegenschaft im November 1928 letztendlich doch in das Eigentum der Israelitischen Gemeinde im Schnoor überging, die das Bad weiter führte. Ab 1933 steigerten die Nazis die Diskriminierung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung systematisch. Spätestens mit der von der SA organisierten Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde deutlich, dass mit aller Gewalt gegen sie vorgegangen wird. Fünf Menschen jüdischen Glaubens wurden in dieser Nacht in Bremen ermordet, zahlreiche Geschäfte und Einrichtungen zerstört und die Synagoge im Schnoor in Brand gesetzt.

      Angesichts dieser bedrohlichen Situation sah sich die Israelitische Gemeinde gezwungen, das Haus Vohnenstraße 3 am 1. März 1939 unter Wert an den als „arisch“ geltenden Hausmeister Rudolf Schillig zu verkaufen. Taxiert wurde das Grundstück inklusive Gebäude mit 9500 Reichsmark, verkauft für 4500 Reichsmark.

      Ähnlich handelte die Gemeinde wohl auch in anderen Fällen, denn “zum gleichen Termin verkaufte die Gemeinde drei weitere Liegenschaften, die nicht weiter als »Judenhäuser« genutzt wurden. Unter anderem auch das Grundstück der ausgebrannten Synagoge. Diese lagen alle nahe beieinander im Schnoor in der Bremer Altstadt. Bis auf das Synagogengebäude handelte es sich um kleinste, sehr alte Einfamilienhäuser. Sie wurden den Mietern – Arbeiterfamilien, die dort schon lange wohnten – angeboten und verkauft. 318 Beim Verkauf ihres Wohnhausbesitzes wandte sich die Gemeinde an altbekannte Mieter, die dort bereits in einem jahrelangen Mietverhältnis lebten, und konnte so auf eine gewisse Vertrauensbasis zurückgreifen. Der Kaufpreis wurde von der Gemeinde bei ihrem Angebot von vornherein niedrig angesetzt, es gab keine langen Verhandlungen und die Parteien waren sich schnell einig”. (Fußnote aus dem Buch von Hanno Balz, die sich auf entsprechende Akten im Staatsarchiv Bremen bezieht:  318 StAB 4,13/l — R.l.fiNr. 260 (#91); StAB 4,13/1 – Kl.f.Nr. 260 (#92); StAB 4,54 – Ra 2140)

      Auch die beiden Weidegrundstücke der Familie Schragenheim in der Vohnenstraße bzw. an der Ecke zur Neuenlander Straße wurden am 16. Juni 1939 unter dem Druck der Nazis zwangsverkauft an die Ehefrau eines Architekten. In der Verkaufsakte wird ausdrücklich erwähnt, dass der Kaufmann Elias Schragenheim, als Testamentsvollstrecker seiner Eltern Moses und Theresa Schragenheim, “Jude ist und die übrig Erschienenen keine Juden sind” und die für Bremen zuständige NSDAP-Gauleitung in Oldenburg teilte dem Finanzamt mit, “keine Einwände gegen den Verkauf zu erheben”. (Zitate aus der Akte Reg. Nr. 4, 13/1 264 R1 f. zu Nr. 206 Nr. 135 im Staatsarchiv Bremen)

      1950 erhielt die Israelitische Gemeinde die Liegenschaft Vohnenstraße 3 nach einem Vergleich mit der Familie Schillig zurück.

      Exkurs:

      Zum Ende des Krieges befand sich auf den genannten Weidegrundstücken ein Stell- und Sammelplatz für ausländische Zwangsarbeiter. Diese mussten in harter Arbeit die Trümmer beseitigen, die durch Bombenangriffe der alliierten Luftwaffe in der Innenstadt verursacht wurden.

      Quellen: “Geschichte der Juden in Bremen und Umgegend” von Max Markreich (2009, Edition Temmen) und „Die „Arisierung“ von jüdischem Haus- und Grundbesitz in Bremen“ von Hanno Balz, Hrsg: „Erinnern für die Zukunft e.V.“