Zweiter Rundgang durch die Altstadt

10 Haltepunkte

Ein weiterer Altstadtrundgang:

kurz, aber sehr informativ

ALange Haare statt Führerschnitt

Trotz des Jazzverbots “Wider die fremdrassigen Einflüsse” traf sich die “Bremer Swingjugend” weiter im “Europacafe” am Herdentorsteinweg und pflegte dort und an einigen anderen Orten in Bremen  ihre Vorliebe für – vorwiegend amerikanischen – Musikgenuss.

Dabei bildete sie mit ihrem teilweise sehr eigenwilligen Äußeren eine Ausnahmeerscheinung der ansonsten weitgehend gleichgeschalteten Jugend.

BNS-Staatsanwalt bereits 1946 wieder in Amt & Würden

In der Zeit des Nationalsozialismus war Erich Zander1 von 1934 bis 1945 in Bremen und Bremerhaven Staatsanwalt beim Sondergericht Bremen; dieses sprach bis Kriegsende 918 Urteile, davon 49 Todesurteile, von denen 42 vollstreckt wurden.

Bereits 1946 wurde er von der US-Militärregierung wieder als Staatsanwalt zugelassen. 1955 schied er als Landgerichtsdirektor, Vorsitzender einer Kammer für Handelssachen und Vertreter des Landgerichtspräsidenten in Bremen aus dem öffentlichen Dienst aus.

1955 wurde er Mitglied der CDU. Vom 28. Dezember 1955 bis zum 21. Dezember 1959 war er Senator für Justiz, Verfassung und kirchliche Angelegenheiten im Kabinett der Großen Koalition von Wilhelm Kaisen. Danach war er von 1959 bis 1971 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft und deren Vizepräsident von 1963 bis 1971.

Fußnoten

  1. Foto: Hans Saebens, Focke-Museum

CNationalsozialistischer Lehrerbund

Der Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB) hatte bereits 1930 eine kleine Ortsgruppe gebildet, die vorerst bedeutungslos blieb. Ihr Vorsitzender war Walther Kreikemeyer. Ab 1933 wuchs der Einfluss des NSLB auf das Schulleben.

Die Mitglieder vertraten die NS-Ideologie an den Schulen und sorgten dafür, dass Lehrer, die das System möglicherweise nicht unterstützten, entlassen wurden. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 11. April 1933 schloss zudem alle sogenannten „Nichtarier“ vom Staatsdienst aus. Außerdem betrieb der NSLB später in Kooperation mit der Nationalsozialistische Volkswohlfahrt (NSV) die Kinderlandverschickung.

Kreikemeyer wurde noch 1933 zum Gauobmann und ein Jahr später zum Kreisamtsleiter ernannt. Der Hauptsitz der Vereinigung, die Kreisverwaltung, befand sich am Domshof, bevor man 1942 aufgrund von Zerstörungen durch alliierte Luftangriffe dazu gezwungen war, in das Haus Schüsselkorb 3 umzuziehen.

DMachtprobe zwischen Senat und Nazis

1Obwohl der Domshof zur Bannmeile gehörte und obwohl der Senat die Kundgebung verboten hatte, planten die Nazis für den Tag vor der  Reichstagswahl einen Aufmarsch auf den Domshof.

Der Kommandeur der Schutzpolizei, W. Caspari machte keine Anstalten, um die gesetzwidrige Machtdemonstration der Nazis zu unterbinden. Statt die Position des bestehenden Senats zu verteidigen und zu unterstützen, war er gewillt, den faschistischen Aufmarsch zu unterstützen.

Der Senat änderte seinen Beschluss; „ausnahmsweise“ wurde der Domshof freigegeben, und die Kundgebung fand wohlbehütet von der Bremer Schutzpolizei statt. Nicht das erste Mal hatte der Senat in einer machtpolitischen Frage kapituliert.

Auf der Kundgebung wurde A. Hitlers „Königsberger Rede“ übertragen, und der Kreisleiter Bernhard der NSDAP stellte die Machtposition des Senats in Frage: „Wir fordern den Rücktritt dieser Regierung! Wir fordern eine neue Bürgerschaft!“

Fußnoten

  1. Zit n. W. Hundertmark; bearbeitet von Redaktionsgruppe SPURENSUCHE

EKaisen sprach “Friede auf Erden…”

Auf dem Bremer Marktplatz fand die erste öffentliche Weihnachtsfeier statt. Nach dem Bürgermeister sprach der amerikanische Militärkommandeur.

Brennhexen als mobile Öfen, Kohlenklau, Lebensmittel-Sonderrationen halfen den Menschen, ihre Not zu überwinden.

FLidice Denkmal

In den Wall-Anlagen findet man ein Denkmal für das am 9.6.1942 von der deutschen Wehrmacht zerstörte tschechische Dorf Lidice. Die Zerstörung geschah als Racheakt für das Attentat auf den Reichsprotektor Reinhard Heydrich durch tschechische Widerstandskämpfer.

Die männlichen Bewohner des Dorfes wurden ermordet, die Frauen in KZ’s verfrachtet. Kinder wurden entweder ermordet oder zur Adoption an deutsche Familien freigegeben. Das zerstörte Dorf wurde von den Nationalsozialisten eingeebnet.

Nach dem Krieg wurde das Dorf wieder aufgebaut. Seit den 80-Jahren gibt es intensive Beziehungen zwischen Lidice und Bremen, die u.a. zur Umbenennung der Jugendbildungsstätte St. Magnus in LidiceHaus geführt haben.

1989 Schuf der Bremer Künstler Jürgen Waller die Installation “Erinnern für die Zukunft – Lidice Mahnmal”. Dieses Mahnmal besteht aus verkohlten Mauer- und Holzresten, die sich direkt neben dem “Jüngling”, eine bronze Figur von Herbert Kubica, befinden.

Ursprünglich sollten von den Nazis mit dieser Figur die Gefallenen des Freicorps Caspari und der Division Gerstenberg geehrt werden. Dazu wurde der “Jüngling” 1936 in Bremen an der Liebfrauenkirche aufgestellt.

Jürgen Waller zeigt mit seiner Installation konsequent den Weg von der Vernichtung der Bremer Räterepublik durch die Freicorps bis zur Vernichtung von Lidice durch die Nazis auf.

GHauptkriegsverbrecher vorzeitig mit vollen Bezügen entlassen

Der zur Entnazifizierung von der US-Militärregierung eingesetzte öffentliche Kläger ging in Bremen von 470 Hauptschuldigen aus. In der Spruchkammer waren es nur noch 40 (8.5%) und nach der Berufung blieben lediglich 25 übrig. Darunter befanden sich keine Politiker oder Wirtschaftsführer, nur noch “Kriminelle” und der Landesbischof von Bremen. Dazu wurden auch die KZ-Wächter aus Mißler und Ochtumsand gezählt, ebenso die Beteiligten am Judenpogrom in Bremen.

Liste der 1933 im KZ Ochtumsand Inhaftierten

Nicht aber der vor dem Nürnberger Militärgerichtshof im Einsatzgruppen-Prozess als Kriegsverbrecher verurteilte ehemalige Leiter der Bremer Gestapo Erwin Schulz ( seit 13.11.1933 Chef der Gestapo in Bremen), der als Brigadeführer und Generalmajor zum Chef des Amtes I (Personal) aufstieg und mit den sogenannten Einsatzgruppen am Massenmord im Osten beteiligt war. Selbst dieser “Hauptschuldige” wurde nach einer Intervention des ehemaligen Chefredakteurs und SPD-Reichstagsabgeordneten Alfred Faust aus der Haft befreit.

“Als ehrenwerter, geradliniger und charakterfester Mensch” (so Schulz´ Selbstdarstellung von 1954) erhielt dieser verurteilte Hauptkriegsverbrecher nach seiner vorzeitigen Entlassung seine Bremer Dienstbezüge und bis zu seiner Pensionierung ein Übergangsgeld. Von seiner Entschädigung für die Kriegsgefangenschaft konnte Schulz sich schuldenfrei und unbelästigt in Bremen wieder einrichten.

HGefängnis am Ostertor

In der Nacht vom 27. zum 28. Februar 1933 brannte der Reichstag in Berlin. Noch in dieser Nacht wurden im Reichsmaßstab mehr als 10.000 Antifaschist/innen verhaftet.

Die in Bremen inhaftierten Kommunist/innen, Sozialdemokrat/innen und andere politisch Verfolgten kamen in das Gefängnis am Ostertor, das jetzige Wilhelm Wagenfeld Museum. Dort waren  Schläge und Misshandlungen von den Nazis auf der Tagesordnung. Im Gefolge der Verhaftungswelle, die nach der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ (28. Februar 1933) durchgeführt wurde, reichte das Ostertor-Gefängnis nicht mehr aus. Das Gefängnis war für 180 Personen ausgelegt, allerdings waren dort in “Spitzenzeiten” sogar über 220 inhaftiert. Insofern wurde daraufhin auch in Bremen ein Konzentrationslager eingerichtet . Die Inhaftierten des Ostertorgefängnisses überbrachte man nach Findorff ins KZ Mißler, die ehem. Auswandererhallen. Trotzdem waren später, so insbesondere in den Jahren 1936 und 1938, am Ostertor nachwievor immer wieder antifaschistische Widerstandskämpfer/innen eingekerkert.

1

Fußnoten

  1. Zit n. W. Hundertmark; bearbeitet von Redaktionsgruppe SPURENSUCHE

IEhrenmal auf der Altmannshöhe

Nach der Machtergreifung durch die Nazis beschloss der neue Bremer Senat am 6. Oktober 1933 ein Ehrenmal zu Ehren der Gefallenen des Ersten Weltkriegs anzulegen. Der Senat beauftragte den Bremer Bildhauer Ernst Gorsemann mit dieser Aufgabe, die dieser gemeinsam mit dem Architekten Wiebking ausführte.

Gorsemann selbst hatte als Freiwilliger am Ersten Weltkrieg teilgenommen und hegte gewisse Sympathien für den Nationalsozialismus. Auf der Altmannshöhe in den Wallanlagen entstand nach seinem Entwurf eine Ringmauer aus Klinkersteine, auf dem die Namen von mehr als 10.000 Gefallenen stehen. Gesondert ausgewiesen wurden allerdings die Mitglieder der Freicorps Gerstenberg und Caspari, die nach dem Ende des Ersten Weltkrieges im Kampf gegen die Bremer Räterepublik ihr Leben gelassen hatten. Innerhalb der Ringmauer wurde eine Altartafel aufgestellt, vor dem Kreis ergänzte eine Mutterskulptur das imposante Denkmal direkt über der Weser an der Tiefer. Am 13. Oktober 1935 fand die Einweihung in Anwesenheit von General von Fritsch, Bürgermeister Heider und des Bremer Landesbischofs Weidemann statt.

Noch in den 80- und 90-Jahren des vorigen Jahrhunderts blieb das Ehrenmal auf der Altmannshöhe Ziel von Gedenkfeiern neonazistischer Gruppierungen.

JDas Bremer Theater während des Nationalsozialismus

Anfang der dreißiger Jahre stand das Bremer Schauspielhaus unter der Leitung des gelernten Journalisten und Autors Johannes Wiegand (* 1874; † 1940) und des Theaterwissenschaftlers Eduard Ichon (* 1879; † 1943). Beide waren 1910 die Gründer des privat geführten Theaters, zuerst in der Bremer Neustadt, ab 1913 am Wall. 1943 erhielt man erst das heutige Gebäude am Goetheplatz.
Nach außen versuchten sie im Spielplan immer mehr das Deutsche, insbesondere durch Klassikeraufführungen, zu betonen, wohl auch als Reflex auf die gesellschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen. Gleichzeitig beschäftigte das Schauspielhaus bis 1933 den jüdischen Regisseur Wilhelm Chmelnitzky als Oberspielleiter. Allerdings blieb er noch eine Weile als künstlerischer Berater weiterhin tätig.
Nach der Machtübernahme der Nazis wurden in ganz Deutschland sämtliche Kulturinstitutionen verstaatlicht und der Reichskulturkammer unterstellt. Nicht jedoch die privat geführte Bremer Schauspielhaus GmbH, obwohl Wiegand und Ichon nie der NSDAP beigetreten sind. Das Theater wurde erst nach dem Tod Ichons im Jahre 1943 zum Bremer Staatstheater.

Das Theater war zwischen 1933 und 1945 allen Schichten und Kreisen der Bevölkerung zugänglich in dem im Spielplan eher unpolitische Aufführungen aufgenommen wurden. Mit Hilfe organisierter Besuche und Abonnements, auch von „Kraft durch Freude“, entstand eine feste Besuchergemeinde, deren Geld das privatgeführte Theater sicherte und stützte.
Am 18.08.1944 wurde das Theater bei einem Luftangriff schwer beschädigt und am 06.10. des gleichen Jahres brannte es völlig aus. Auch dessen von den Nazis eingesetzten Intendanten, Curt Gerdes, kam bei einem Luftangriff am 26.09.1944 ums Leben.
Am 08.05.1945 gründeten ehemalige Mitglieder des Bremer Schauspielhauses die „Arbeitsgemeinschaft Bremer Bühnenkünstler“ um so schnell wie möglich in Bremen wieder Theateraufführungen anbieten zu können. Die erste fand am 19.09.1945 im früheren Tanzsaal der Concordia Gaststätte an der Schwachhauser Heer Straße statt.

Quelle: „Bremer Theater – 1913 – 2007“ von Frank Schümann im Verlag Carl Ed. Schünemann KG Bremen