Gründung der „Nordischen Musikschule“ in Findorff

1. August 1942
Gothaerstraße 60, 28215 Bremen

In Findorff befindet sich in der Gothaerstraße ein Schulzentrum, das heute als „Schule gegen Rassismus –  Schule für Courage“ ausgezeichnet ist. August 1942 wehte hier jedoch ein anderer Wind: im Altbau des jetzigen Schulgebäudes wurde damals die „Nordische Musikschule“ gegründet. Hier sollten im Sinne des NS-Regimes und dessen Ideologie Musiker/innen höchst professionell ausgebildet werden. Sie sollte auf musikalischem Gebiet eine Fortführung der bereits existierenden „Nordischen Kunsthochschule“ bilden. Leider gibt es nur wenige schriftlich  dokumentierte Hinweise zur Musikschule. Henning Bleyl, TAZ Journalist in Bremen, fand dennoch einiges heraus:

Direktor der Schule war Albert Barkhausen, ein Sohn des langjährigen Bremer Bürgermeisters Carl Georg Barkhausen. Im April 1943 wurde der Schule eine „Opernschule“ angegliedert, im Herbst 1944 die gesamte Schule schon wieder geschlossen. Leiter der Meisterklasse Violine an der „Nordischen Musikschule“ war Hermann Grevesmühl, der 1948 Direktor der mit Unterstützung der Bildungsbehörde wiedereröffneten „Bremer Musikschule“ wurde. Aus dieser entwickelte sich das staatliche „Konservatorium“ und 1979 die Musikabteilung der „Hochschule für Gestaltende Künste und Musik“, der heutigen HfK. Die Jugend- und Volksmusikschule blieb als kommunale Einrichtung der außerschulischen Jugend- und Erwachsenenbildung erhalten und ist seit 1999 als „Musikschule Bremen“ ein städtischer Eigenbetrieb.

An der Schule gab es 1942 150 bis 200 Studenten und 15 Lehrkräfte. Viele von ihnen waren im Hauptberuf Mitglieder des Bremer Staatsorchesters. Einer der wenigen Lehrer mit wirklich überregionalem Ansehen war der  Domkantor Richard Liesche, einer der führenden Kirchenmusiker in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Seine Arbeit wurde deutschlandweit wahrgenommen. An der „Nordischen Musikschule“ fungierte Liesche als Leiter der Abteilung Tasteninstrumente. 1942 hatte die Musikschule einen Etat von 74.000 Reichsmark, bekam aber nur 32.490 Mark als Zuschuss. 60 Prozent ihres Etats musste sie also selbst erwirtschaften. Die Finanzdecke war so knapp bemessen, dass man zeitweise über die Schließung der Außenstelle Vegesack nachdachte. Nach 1945 kann eine weitestgehende personelle Kontinuität zur Nazi-Zeit beobachtet werden, da alle Lehrer als politisch unbelastet eingestuft wurden. Auch im Falle Liesches, dem gelegentlich eine zu große Nähe zum Regime nachgesagt wird, konnte eine Parteimitgliedschaft nicht sicher nachgewiesen werden. Richard Liesche, 1933 zum Landeskirchenmusikwart ernannt, organisierte 1948 die Kirchenmusikabteilung an der neuen Bremer Musikschule, wurde im Jahr darauf vom Senat zum Professor ernannt und Vorsitzender des Landesverbandes Bremer Tonkünstler. Der Bremer Komponist Burchard Bulling ist der einzige, der in der Musikschule der Nachkriegszeit nicht mehr auftaucht. Das mag daran liegen, dass er für das schöne Fach „Nationalpolitischer Unterricht“ an der „Nordischen Musikschule“ zuständig war. Bulling leitete nach dem Krieg die städtische Musikbibliothek und baute das später von der Bremer Universität übernommene „Archiv Deutsche Musikpflege“ auf.

 

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