Zwangsverkauf einer “Mikwe” in der Neustadt

Bild zeigt das ehemalige jüdische Badehaus in der Vohnenstraße
1. März 1939
Vohnenstraße 3, Bremen
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Ende des 19. Jahrhunderts entschlossen sich Einzelpersonen aus dem eher orthodoxen Kreis der jüdischen Gemeinde in Bremen, darunter Moses Schragenheim, eine eigene private “Mikwe” zu gründen. Zu diesem Zweck kauften sie in Huckelriede ein Wohnhaus, in dessen Kellergeschoss in der Vohnenstraße 3 das traditionelle Tauchbecken verlegt wurde. Bereits 1899 wird es unter dieser Adresse im Bremer Adressbuch als “Jüdische Badeanstalt” erwähnt. In der Straße, in der Moses Schragenheim zwei weitere Weidegrundstücke gehörten, wohnten hauptsächlich Arbeiter und kleinere Handwerker mit ihren Familien.
1923 wollte die Hausbesitzervereinigung das Grundstück samt Einrichtung an die jüdische Gemeinde verschenken. Die lehnte jedoch ab, weil die Anstalt nicht mehr den modernen Anforderungen einer “Mikwe” entsprach. November 1928 wurde das Grundstück dennoch auf die jüdische Gemeinde übertragen.

Das Haus verfügte über eine eigene Hausmeisterwohnung, in der die Familie Schillig wohnte.  Frau Schillig war mit der Verwaltung des Hauses durch die Gemeinde beauftragt gewesen und so wurde sie nach der Pogromnacht und der Zerstörung der Bremer Synagoge gefragt, ob sie das Haus kaufen wolle. Da sich die Israelitische Gemeinde zu Beginn des Jahres 1939 bereits einen erheblichen Druck der Nazis ausgesetzt sah, drängte die Zeit. Die Gemeinde verkaufte das Haus schließlich am 01.03.1939 an den Sohn Rudolf Schillig zu einem Betrag von 4500 RM (bei einem Taxat von 9500 RM). Schillig war gelernter Schlosser, übte diesen Beruf jedoch nicht mehr aus, sondern war als Hausmeister des Tauchbades der jüdischen Gemeinde tätig.·1

Ähnlich ging die Gemeinde wohl auch in anderen Fällen vor, denn “zum gleichen Termin verkaufte die Gemeinde drei weitere ihrer Grundstücke, die nicht weiter als »Judenhäuser« genutzt wurden, unter anderem auch das Grundstück der ausgebrannten Synagoge. Diese lagen alle nahe beieinander im Schnoorviertel in der Bremer Altstadt. Bis auf das Synagogengebäude handelte es sich um kleinste, sehr alte Einfamilienhäuser. Sie wurden den Mietern – Arbeiterfamilien, die dort schon lange wohnten – angeboten und verkauft. 318 Beim Verkauf ihres Wohnhausbesitzes wandte sich die Gemeinde an altbekannte Mieter, die dort in einem jahrelangen Mietverhältnis lebten, und konnte so auf eine gewisse Vertrauensbasis zurückgreifen. Der Kaufpreis wurde von der Gemeinde bei ihrem Angebot von vornherein niedrig angesetzt, es gab keine langen Verhandlungen und die Parteien waren sich schnell einig”. 316 Ebd. 317 StAB 4,54 – Ra 403. 318 StAB 4,13/l — R.l.fiNr. 260 (#91); StAB 4,13/1 – Kl.f.Nr. 260 (#92); StAB 4,54 – Ra 2140.

Auch die beiden Weidengrundstücke der Fam. Schragenheim an der Ecke Neuenlanderstraße wurden am 16.6.1939 unter dem Druck der Nazis zwangsverkauft an die Ehefrau eines Architekten. In der Verkaufsakte wird ausdrücklich erwähnt, dass der Kaufmann Elias Schragenheim, als Testamentvollstrecker seiner Eltern Moses und Theresa Schragenheim, “Jude ist und die übrig Erschienenen keine Juden sind” und die für Bremen zuständige NSDAP Gauleitung in Oldenburg teilte dem Finanzamt mit “keine Einwände gegen den Verkauf zu erheben” (Zitate aus der Akte im Staatsarchiv Reg. Nr. 4, 13/1 264 R1 f. zu Nr. 206 Nr. 135).

Zum Ende des Weltkrieges befand sich auf dem genannten Weidegrundstück ein Stell- und Sammelplatz für ausländische Zwangsarbeiter, die zur Trümmerbeseitigung in der Innenstadt eingesetzt wurden, die durch alliierte Flugangriffen entstanden waren.

Weitere Quelle: “Geschichte der Juden in Bremen und Umgegend” von Max Markreich (2009, Edition Temmen).

Fußnoten

  1. Die >Arisierung< von jüdischem Haus- und Grundbesitz in Bremen, Hrsg: >Erinnern für die Zukunft e.V.<, III Fallbeispiele; von Hanno Balz

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