Verfolgung der Sinti und Roma

Das Bild zeigt die Gedenktafel beim Kulturzentrum Schlachthof
16. Dezember 1942
Findorffstraße 51, Bremen
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„Zigeuner“ (die damals und auch heute noch gängige, jedoch diskriminierende Bezeichnung für Sinti und Roma) waren und sind seit vielen Jahrhunderten in Deutschland und anderswo Diskriminierung und Verfolgung ausgesetzt. Während des NS-Regimes erhielt diese Verfolgung eine mörderische Komponente: Sinti und Roma wurden an ihren jeweiligen Aufenthaltsorten erfasst, zusammengetrieben, deportiert und die meisten von ihnen ermordet. Das gilt auch für die Sinti und Roma in Bremen.

Mit dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ vom 17. Juli 1933 wurden nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten erste Maßnahmen verabschiedet, die zur Zwangssterilisation von „Zigeunern“ führten. Im August 1933 traten das „Gesetz zum Schutze der Bevölkerung vor Belästigung durch Zigeuner, Landfahrer und Arbeitsscheue“ sowie in November 1933 das „Gesetz gegen gefährliche Gewohnheitsverbrechter“ auch für Bremen in Kraft. Dieses führte laut dem damaligen Polizeisenator Theodor Laue dazu, „Zigeuner und Landfahrer, die für die bremische Bevölkerung oft eine starke Belästigung bedeuteten und Anlass zu vielfachen Klagen gaben, aus dem bremischen Stadtgebiet durchweg zu entfernen oder fernzuhalten.“ Ihnen wurde durch das Gesetz die Niederlassung praktisch unmöglich gemacht. Nach Meinung der Polizeibehörde war Bremen auf Grund der genannten Gesetze „zigeunerfrei“ geworden. Dies war jedoch eine Selbsttäuschung. Es wohnten nach wie vor Sinti in Bremen, wie durch das Melderegister nachvollzogen werden kann. Möglicherweise entgingen diese normalen Bremer Bewohner der Polizeibehörde, weil sie nicht in Wohnwagen lebten und somit nicht dem Klischee vom ‚wandernden Zigeuner‘ entsprachen. Zudem mussten Jahre später mit dem sog. „Festsetzungserlass“ auch in Bremen wieder Plätze für Wohnwagen geschaffen werden.
Von den 1935 verkündeten Nürnberger Gesetzen inkl. den darin enthaltenen „Blutschutzgesetz“ und dem „Reichsbürgergesetz“ waren nicht nur die jüdische Bevölkerung, sondern auch Sinti und Roma betroffen.
Mit dem Runderlass von Heinrich Himmler vom 8. Dezember 1938, der die „Regelung der Zigeunerfrage aus dem Wesen der Rasse heraus“ ankündigte, erfolgte eine weitere Maßnahme zur Vorbereitung des Genozids.
Rassenforscher/innen versuchten, den Gesetzen eine „wissenschaftliche“ Grundlage zu geben. Sie sprachen in diesem Zusammenhang von „vererbbaren angeborenem Schwachsinn“, „hochgradiger Minderwertigkeit, „Asozialität“, „mangelnder Gemeinschaftsfähigkeit“ oder „Analphabetentum“ etc.

Bei der Kriminalpolizeileitstelle in Bremen wurde ab 1939 ein sog. „Zigeunerdezernat“ („Dienststelle für Zigeunerfragen“) unter der Leitung von Franz Gails (später Wilhelm Herzmann, anschließend Wilhelm Mündtrath) eingerichtet. Gails war im Mai 1940 wahrscheinlich verantwortlich für die ersten Deportationen von Sinti und Roma aus dem Bremer Kripoleitstellengebiet gewesen. Die Kriminalpolizeileitstelle war nicht nur für Bremen, sondern für das ganze nordwestliche Reichsgebiet zwischen Ems und Weser und bis nach Stade zuständig.
Vor ihrer Deportation wurden die Sinti und Roma aus dem Kriminalpolizeileitstellengebiet in einem Sammellager, das im Schützenhof in Gröpelingen eingerichtet worden war, festgehalten. Von hier wurden sie nach Hamburg überführt und von dort nach Polen deportiert.

Mit Himmlers „Auschwitz-Erlass“ vom 16. Dezember 1942 begann die Endphase des Völkermordes an den Sinti und Roma. Allein im Bereich der Bremer Kriminalpolizeileitstelle wurden über 300 Sinti und Roma, darunter viele Kinder, eingesperrt. Die Sammelstelle für die Deportation der Sinti und Roma befand sich auf dem Areal des damaligen Schlachthofs, direkt hinter dem Hauptbahnhof. Der erste Transport verließ Bremen am 9. März 1943. Ziel war das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, wo sie in dem sog. „Zigeunerfamilienlager“ in Auschwitz-Birkenau B II untergebracht wurden. Hier wurden sie zu Zwangsarbeit verpflichtet, waren sie „medizinische“ Experimente ausgesetzt und letztendlich wurden sie dort in den Tod getrieben.

Schätzungen gehen davon aus, dass insgesamt mindestens 200.000 Sinti und Roma in der NS-Zeit ermordet wurden, davon ca. 200 Personen allein aus Bremen. Andere, die nicht deportiert wurden, wurden in Bremen zwangssterilisiert. Acht solcher Fälle sind in Bremen aktenkundig nachgewiesen, vermutlich sind es jedoch mehr gewesen.

Nach 1945 führte die Stadt Bremen ausgerechnet auf dem Gelände des ehem. Zwangsarbeiter- und KZ-Lager Riespott ein „Landfahrerlager“ ein, wie es zuvor bereits in der NS-Zeit in verschiedenen Städten erprobt worden war, u.a. in Köln und Berlin. Kripo-Beamte, die verantwortlich für die Deportation der Sinti und Roma waren, wie Wilhelm Mündtrath oder der „Judenreferent“ Bruno Nette, waren ebenfalls bis zur Prüfung ihres Entnazifizierungsverfahrens Jahre zuvor im gleichen Lager interniert. Die Sinti und Roma verblieben bis Mitte der fünfziger Jahre im Lager Riespott. Im Juni 1955 wurde das sog. „Landfahrerlager“ geräumt und neben einer Müllkippe in Woltmershausen ein neues errichtet, in das diejenigen Sinti gezwungen wurden, die keine Wohnung in Bremen hatten.

Es ist durchaus vorstellbar, dass es diese Behandlung durch die Bremer Behörden war, die viele überlebende Bremer Sinti veranlassten, die Stadt zu verlassen.

1970 lehnte der Senator für das Gesundheitswesen jegliche weitere Verantwortung für eine weitere Nutzung dieses Geländes ab. Das menschenunwürdige „Landfahrerlager“ wurde in der Folge aufgelöst.

Eine Wiedergutmachung für ihre Haft oder ihre Zwangssterilisation haben die Überlebenden häufig erst nach einer entwürdigenden und vor allem langjährigen Prüfung ihres Antrags durch das Amt für Wiedergutmachung erhalten. Sämtliche an der NS-Verfolgung beteiligten Kriminalbeamten der Kripoleitstelle und des „Zigeunerdezernats“, sowie Richter und Ärzte, die die Zwangssterilisationen zu verantworten hatten, wurden in aller Regel lediglich als „Mitläufer“ des Nazi-Regimes eingestuft.

Am jetzigen Kulturzentrum Schlachthof erinnert eine von Arbeiternehmer/innen der Bremer Stahlwerke (jetzt Arcelor-Mittal Konzern) erstellte und vom Bremer Sinti-Verein initiierte Gedenkplatte an die Deportationen (siehe Bild).

Quelle: Hans Hesse und Jens Schreiber „Vom Schlachthof nach Auschwitz – Die NS-Verfolgung der Sinti und Roma aus Bremen, Bremerhaven und Nordwestdeutschland“ im Tectum Verlag.

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