Käte van Tricht – “durchhalten und immer wieder aufstehen“

Käte van Tricht, Kennkarte (mit KI überarbeitet)
Käte van Tricht, Kennkarte (mit KI überarbeitet), Quelle: StA HB Sign. 7.165
Studentenausweis 1935, Quelle: StA HB Sign. 7.16
Studentenausweis 1935, Quelle: StA HB Sign. 7.165
9. Mai 1945
St. Petri Dom, Domshof, Bremen

Käte van Tricht genoss als Musikerin, insbesondere an der Orgel, einen ausgezeichneten Ruf, weit über Bremen hinaus. Wer sie kannte, erinnert sich an eine charismatische Frau, eine besondere Persönlichkeit. Das, was ihr während des Nationalsozialismus widerfuhr, hielt sie in einer Autobiografie fest, dessen Manuskript nie veröffentlicht wurde. Über ihre musikalische Karriere wurde viel geschrieben. Dieser Text beschränkt sich auf die Zeit des Nationalsozialismus, als Jüdinnen und Juden verfolgt und ausgegrenzt wurden. Käte van Tricht war eine von ihnen. In einem Interview 1994 sagte sie: „[…] bis 1945 wurde ich zu einem Tun gezwungen. Wäre meine Entwicklung in Freiheit verlaufen – ich hätte manches anders getan.“

Käte van Tricht wurde am 22. Oktober 1909 in Berlin unehelich geboren mit dem Nachnamen Nagel. Zwei Jahre später heiratete ihre Mutter in Bremen den niederländischen Musiker Paul van Tricht. Er adoptierte Käte und gab ihr seinen Namen.

Nach einem abgeschlossenen Studium an der Nordischen Musikschule in Bremen gab Käte van Tricht privaten Klavierunterricht. Mit 19 Jahren bekam sie eine Festanstellung 1930 als Organistin in Walle. Im gleichen Jahr wurde ihr erstes Konzert in einer Waller Kirche vom Bremer Rundfunk aufgenommen und übertragen.

Seit 1930 war am St. Petri Dom der Dirigent und Chorleiter Richard Liesche tätig. Durch seine Fürsprache nahmen Käte van Trichts musikalischen Aufträge am Dom zu. Zwischen dem verheirateten Liesche und ihr entstand eine langjährige Liebesbeziehung. Als Geliebte an der Seite eines verheirateten Mannes zu leben war für Käte van Tricht nicht einfach, da für Liesche eine Scheidung nicht zur Debatte stand. Liesche war Geliebter und Gönner in einer Person. Daraus entwickelte sich für Käte van Tricht eine Abhängigkeit, die ihren Entscheidungen und Wünschen Grenzen setzte.

1933 wurde am Dom die Stelle des zweiten Organisten frei. Durch die Fürsprache von Liesche wurde Käte van Tricht diese Aufgabe übertragen. Für die damalige Zeit war es ungewöhnlich diese Position mit einer Frau zu besetzen. Käte van Tricht verhalf es indes zum Durchbruch als Musikerin.

Mit einem Stipendium der Bremer Landeskirche absolvierte Käte van Tricht ein Studium in Leipzig zur Kirchenmusikerin und Chordirigentin (1934-35). Für diese Zeit ließ sie sich vom Dom beurlauben, Liesche hatte ihr von einer Kündigung abgeraten. Gegen Ende des Studiums wurde sie aufgefordert den Ariernachweis vorzulegen. Erst mit dem Nachweis konnte das Studium abgeschlossen werden. Die von ihr vorgelegten Dokumente wiesen sie als Kind einer Liaison aus, zwischen ihrer damals noch unverheirateten Mutter und dem „Halbjuden“ Johannes Salomon Bremer. Dessen jüdischer Vater war schon Mitte des 19. Jahrhunderts in Bremen gemeldet. Damit war Käte van Tricht im nationalsozialistischen Verständnis eine „Vierteljüdin“.

In dem Schreiben des Amtsgerichts vom 5. Februar 1935 wurde die väterliche Religionszugehörigkeit nicht als „Jüdisch“ angegeben, sondern es hieß „monistischer Religion“ (philosophisch-metaphysische Glaubenslehre). Mit der Prüfung der Dokumente war ein sächsischer Studentenführer betraut. Für ihn war aufgrund der Namensgebung die jüdische Abstammung offensichtlich. Freunde hatten Käte van Tricht geraten, die „monistische Religion“ in den Vordergrund zu stellen und die Namensgebung als häufig vorkommend in großen Bremer Kaufmannsfamilien darzustellen, was nicht zwangsläufig jüdische Abstammung bedeutete. In Unkenntnis der Bremer Verhältnisse genügtem dem Studentenführer die Erklärungen und Käte van Trichts Studentenausweis erhielt den Vermerk „Ahnennachweis urkundlich geprüft“. Ab diesem Zeitpunkt fühlte sie sich ausgegrenzt und gezwungen ihre wahre Identität zu verbergen. Von nun an begleitete sie die Angst vor Entdeckung. Mit ihren Leipziger Studentenausweis lavierte sie sich durch die Folgejahre.

Nach bestandener Prüfung 1935 nahm Käte van Tricht ihre Tätigkeit am Dom wieder auf. Erneut empfand sie ihre persönliche Situation als Geliebte und die dominante Nähe Liesches als beengend. Von einem Arbeitsplatzwechsel rieten ihr Freunde ab, weil der neue Arbeitgeber einen über den Studentenausweis hinausgehenden Nachweis ihrer Abstammung eingefordert hätte. Käte van Tricht erhielt den dringenden Rat auszuwandern. Sie kümmerte sich um eine Einreisegenehmigung für die USA. Sie ging letztendlich nicht, weil ihr der Mut fehlte. Dies empfand sie später als einen ihrer größten Fehler. Ihre musikalischen Erfolge waren beachtlich. Gleichzeitig beeinträchtigte sie die Angst vor einer möglichen Verfolgung.

Mit Kriegsausbruch war es dem NS-Staat wichtig die Frontsoldaten bei Laune zu halten. Um Künstler freiwillig zur Teilnahme an der Truppenbetreuung zu bewegen, wurden vergleichsweise hohe Gagen gezahlt, die in üblichen Engagements nicht erzielt werden konnten. Nach A. Hirt war es für Künstler durchaus eine Bereicherung ihrer Reputation. Bis zum 1. September 1944 war die Teilnahme freiwillig, erst danach wurde Zwang seitens des Regimes ausgeübt. Käte van Tricht meldete sich, wie sie später betonte, freiwillig zu einem nicht näher bezeichneten Zeitpunkt. Ihre Beweggründe waren die damit verbundenen Reisen, zudem die reizvoll hohen Gagen und die zeitweilige Abwesenheit von Bremen. Sie musizierte mit verschiedenen Gruppen, als Sängerin und Pianistin, in den Niederlanden, Frankreich und Italien. Mit dem Dom-Chor war sie mehrmals in Paris. Im Sommer 1943 ging sie auf ihre erste Russlandreise. Im Herbst 1944 begann die zweite Russlandreise, die Käte van Tricht ungerne antrat, weil sie ihr angesichts der Kriegsentwicklung als zu gefährlich erschien. Die Soldaten begrüßten ihre Auftritte und manch einer besaß von ihr ein Foto, spielend auf der Bremer Dom-Orgel. Gegen Ende des Kriegs war sie als Pianistin und Sängerin für die Wehrmachtsbetreuung in Berlin tätig.

Zwischen den Tourneen kehrte Käte van Tricht immer nach Bremen zurück. Ihre persönliche und berufliche Situation verschlechterte sich zunehmend, als ihr langjähriger Geliebter Liesche sich mehr und mehr einer anderen Frau zuwandte. Weil er gleichzeitig auf Käte van Tricht nicht verzichten wollte, sie sich jedoch ablehnend zeigte, sorgte der gekränkte Liesche dafür, dass die Anzahl ihrer Musiktermine am Dom sich auf wenige Gelegenheiten reduzierten. Er entzog ihr seine bisher beschützende Unterstützung. 1943 übernahm sie zusätzliche Korrepetitionsaufgaben am Staatstheater. Dem dortigen Musikdirektor Franz Rieger hatte sie ihre Herkunftsprobleme offenbart. Obwohl er seit kurzem Mitglied in der NSDAP, half er ihr. Aber von einem Wechsel vom Dom zum Staatstheater riet er ihr ab, weil sie keine Originalpapiere von der Reichsmusikkammer vorlegen konnte.

Im Sommer 1944 wurde sie denunziert. Sie sei „Vierteljüdin“, ob dies dem Dom bekannt sei, hieß es in dem Schreiben an die Domgemeinde. Der Briefschreiber, der zur Wilhadi Gemeinde in Walle gehörte, zeichnete sich durch genaue Kenntnisse über Käte van Trichts Leben aus. Ihr nahestehende Personen wurden offiziell befragt, unter anderem von dem Gauleiter in Oldenburg Paul Wegener. Im Oktober 1944 kam die Mitteilung der Finanzabteilung der Bremischen evangelischen Kirche, dass „die Beibringung weiterer Urkunden […] sich erübrige“, sofern sie versichern könne nicht von jüdischen Großeltern abzustammen. Sie bestätigte dies umgehend. Auf drängende Nachfrage hatte sie seit Kriegsbeginn (1939) behauptet, dass weder Meldeamt noch Standesamt Einsicht in Unterlagen gewähren und sie die Dokumente zu einem späteren Zeitpunkt nachreichen würde. Diese Ausrede nutzte sie jetzt erneut. Als Käte van Tricht wenige Monate später erneut denunziert wurde, angeblich von derselben Person, wurde ein Dom-Bauherr ins Bremer Rathaus vorgeladen. Der Befragte gab zu Protokoll nichts Nachteiliges über Käte van Tricht sagen zu können.

Ende Februar 1945 erhielt Käte van Tricht die Aufforderung sich im Rathaus zu melden, die sie ignorierte. Sie baute auf das inzwischen herrschende Chaos der letzten Kriegstage. In ihrer Autobiografie schrieb sie, sie „hielt sich versteckt“, womit vermutlich eher gemeint war sie hielt sich bedeckt. Denn in den letzten vier Wochen, bevor die Alliierten Bremen einnahmen, spielte sie trotzdem noch auf dem einen oder anderen Hauskonzert. Die letzten Tage des Krieges verbrachte sie zum Teil im Bunker unter dem Domshof.

Ihr Lebensmotto war „durchhalten und immer wieder aufstehen“. Käte van Tricht heiratete 1947 und bekam zwei Kinder. Bis 1974 blieb sie Organistin am Bremer Dom. Sie starb am 13. Juli 1996, ihr Grab befindet sich auf dem Riensberger Friedhof in Bremen.

Quellen und Literatur:

StA Bremen: Zivil- und Personenstandsregister; Einwohnermeldekartei; Signaturen 7.165 Nr. 14, 7.165 Nr. 15, 7.165 Nr. 18
Bremer Dom Archiv: Akte zu Käte van Tricht
Hirt, Alexander: „Die Heimat reicht der Front die Hand“, Kulturelle Truppenbetreuung im Zweiten Weltkrieg 1939-1945, Dissertation Universität Göttingen

 

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