Begeistert die Flagge gehisst

Bild von Werner Mork
1. September 1939
Katharinenstraße, Bremen
Schlagwörter ,

„Am 1. September 1939 kam ich froh und munter zu meiner Mutter in die Küche“, berichtet Werner Mork. „Bei meiner Mutter verspürte ich eine große Nervosität. Sie hatte beim Brötchenholen gehört, dass für den Vormittag dieses Tages eine Sondersitzung des Reichstages anberaumt sei, auf der vom Führer eine Rede zum Problem Polen gehalten würde. Für ganz Deutschland sei ein Gemeinschaftsempfang angeordnet.

In der Firma musste ich sofort alles herrichten für den anbefohlenen Gemeinschaftsempfang. Um 10 Uhr wurde vom Großdeutschen Rundfunk über alle Sender im Reich die Reichstagsrede des Führers übertragen. In ganz Deutschland war der tosende Beifall zu hören, den die Abgeordneten des Reichstags ihrem Führer spendeten, um dann die National-Hymnen zu singen, die wir in der Firma stehend mit anhörten. An ein Mitsingen dachte keiner. Unter uns gab es ein doch sehr betretenes Schweigen, welches dann der Senior-Chef mit dem Bemerken beendete, nun wollen wir mal alle wieder an unsere Arbeit gehen und unser Bestes tun.

Ich allerdings fand dieses Verhalten und das Schweigen schon als etwas sonderbar. Hätte nicht nun der Chef doch ein ,Sieg Heil’ auf den Führer ausbringen müssen? Das war für mich nicht begreifbar und ich beschloss, selber etwas zu tun. Ich ging auf den Boden, wo sich die beiden Fahnenstangen befanden, an denen die Nationalfahnen befestigt waren und schob diese mit eigener Kraft aus den Bodenluken heraus.

Sie flatterten im Morgenwind des 1. September 1939 herunter auf die Katharinenstraße in Bremen. Von dieser Eigenmächtigkeit hatte keiner etwas bemerkt, bis dann aber ein Anruf aus dem Polizeihaus in der Firma einlief mit der sehr wütenden Anfrage, wer da in dem Hause die Flaggen gehisst hat? Wobei sogar die Bemerkung Idiot gefallen sein soll. Es sei keine Beflaggung angeordnet, die Fahnen sind unverzüglich wieder einzuholen.

Nun kam sie ans Licht, meine so spontane Eigenmächtigkeit. Ich bekam einen furchtbaren Rüffel und musste dann die Fahnen wieder einziehen. Damit war sie zu Ende, diese, wohl nicht nur in Bremen einmalige Flaggenhissung aus Anlass des ausgebrochenen Krieges. Das war die erste unsinnige Tat, die ich zu Kriegsbeginn vollführte.

1945 war mein einstiger Idealismus zerstört, mein einstiger Glaube an Führer und Vaterland war mir gründlich abhanden gekommen.“

Kommentieren Sie den Beitrag

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *