Rundgang durch die Altstadt

10 Haltepunkte

Ein Altstadtrundgang:

kurz, aber sehr informativ

A. Stanniolpapierstreifen sollten die Luftabwehr irritieren

300 Britische Bomber erreichten am 18.8.1944 gegen 22.30 Uhr das Bremer Stadtgebiet, 150.000 Bomben regneten auf den Bremer Westen, Stephaniviertel und Bahnhofsvorstadt.
1056 Menschen wurden getötet, 50.000 obdachlos gewordene und Ausgebombte wurden aufgrund des drastischen Wohnungsmangels mit Zwangsumquartierungsmaßnahmen des Stadtgebietes verwiesen.

Dieses Video wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Landesfilmarchiv, Bremen.

B. Mortka Mendel und Malka Bialystock

Mortka Mendel und Malka Bialystock waren Besitzer des Hauses Faulenstraße 48, wo sie neben dem Wohn- und Geschäftshaus bald mehrere andere Immobilien besaßen.

Der jüngste Sohn, Isidor, wanderte 1922 im Alter von 15 Jahren in die Niederlande aus. Die Tochter Bertha heiratete 1929 im Standesamt Mitte den Postbeamten Manuel Cohen aus Groningen und emigrierte ebenfalls. 1930 gaben die beiden die Geburt ihres Sohnes Louis bekannt.

Als die Deutschen in die Niederlande einmarschierten, wurde Cohen aus dem Staatsdienst entlassen. Gemeinsam mit seinem Sohn wurde er nach Auschwitz deportiert. Beide starben im Konzentrationslager, der Vater am 28. Februar 1943, der 14-jährige Louis am 26. März 1944.

C. Bremer Volkszeitung wurde verboten

[fn]Zit n. W. Hundertmark; bearbeitet von Redaktionsgruppe SPURENSUCHE[/fn]Bereits am 7. März 1933 traf ein Telegramm des Reichsinnenministers beim Bremer Senat ein, in dem er aufgefordert wurde, die Bremer Volkszeitung, das Organ der SPD und der Freien Gewerkschaften „wegen ständiger Verhetzung“ für eine Woche zu verbieten. Dies geschah mit Bezug auf die „Verordnung des Reichspräsidenten vom 28. Februar 1933 zum Schutz von Volk und Staat“.Gedruckt wurde die BV „Am Geeren 6“, dem Sitz der SPD.

Unter diesem Druck sprach der Senat, dem auch drei Sozialdemokraten angehörten, das Verbot für die Dauer einer Woche (5.-9. März) aus. Trotz dieses Verbotes verblieben die sozialdemokratischen Senatoren Kaisen, Sommer und Klemann im Amt. Eine Nummer der BVZ erschien noch am 10. März. Dann wurde das Verbot vom Reichskommissar Markert ausgesprochen, da, so die Begründung, die BVZ „die Verhetzung … in gleicher Weise fortgesetzt“ habe.

Nach dem „Reichstagsbrand“ wurden hauptsächlich Mitglieder und Funktionäre der KPD verhaftet und eingekerkert; daneben erlitten viele SPD-Funktionäre das gleiche Schicksal. Auch sie wurden in das KZ Mißler überführt.

D. Besetzung der „Internationalen Arbeiterhilfe“

[fn]Zit n. W. Hundertmark; bearbeitet von Redaktionsgruppe SPURENSUCHE[/fn]Die Internationale Arbeiterhilfe ( IAH ) bestand seit 1921 und war eine Hilfsorganisation besonders für in Not geratene Arbeiter und deren Familienangehörige. Ihren Sitz hatte die Bremer Organisation der IAH in der Hankenstr. 21/22

Am Mittwochnachmittag des 1. März 1933 erschien ein Polizeikommando vor dem Hause der IAH und besetzte es. Gleichzeitig wurden Straßenzugänge abgeriegelt. Die Polizei beschlagnahmte das gesamte Material der IAH. Die nach dem Reichstagsbrand einsetzenden Verhaftungen und Verfolgungen von Kommunisten und anderen, so die Tonart der „Bremer Nachrichten“ in Bezug auf die Polizeiaktion in der Hankenstraße, seien die „Vorkehrungsmaßnahmen gegen kommunistische Terrorakte und Bürgerkriegspläne“.

Im gleichen Haus an der Hankenstraße hatten auch der Bremer Erwerbslosenausschuss, der Internationale Seemannsclub und die „Rote Hilfe“ ihre Büroräume. Es ist davon auszugehen, dass sie ebenfalls von der Polizeiaktion betroffen waren.

In einem Ausschnitt eines Video-Interviews mit dem USC Shoah Foundation Institute schildert der Zeitzeuge Willy Hundertmark seine Erinnerung an Verhaftungen durch die GeStaPo

Die Pressestelle des Bremer Senats ließ erklären: Bisher konnten „kommunistische Ausschreitungen verhindert werden“.

E. Tabakhändler David Gutnik

David Gutnik wurde am 15. Februar 1873 als Sohn von Abraham Gutnik und seiner Frau Sara, geb. Wachowsky, in Tschernobyl geboren. Von 1908 bis 1925 wohnte er in Bremen in der Admiralstraße 155. Von 1913 bis 1921 war er als „Zigarettenfabrikant“ tätig. 1912 heiratete er in zweiter Ehe die 1887 in Minsk geborene Henriette Scheflian; 1913 wurde die Tochter Anna Sophia geboren. Nach kurzer Zeit verließ Henriette mit der Tochter Bremen und die Ehe wurde 1914 durch Beschluss der Zivilabteilung des Bezirksgerichts Kalisch in Polen „aufgelöst“.

1915 wurde David Gutnik Vater einer nichtehelich geborenen Tochter, Dorothee Witt­kopf, für die er die Vaterschaft anerkannte und Alimente zahlte. 1926 zog David Gutnik nach Berlin. Nach Bremen zurückgekehrt, war er von 1928 bis zum 1. September 1939 im Hause Am Brill 18 gemeldet. 1928 meldete er ein Gewerbe als „Handel mit Tabakwaren“ an. 1933 mel­dete er dies Gewerbe wieder ab und wurde danach in der Einwohnermeldekartei als „Arbeiter“ geführt. Ab 1. September 1939 musste er zwangsweise in das im Schnoor gelegene Haus Hinter der Balge 10 umziehen. Die Israelitische Gemeinde Bremen hatte dies Haus zwar verkaufen müssen, konnte es aber zur Unterbringung von Gemeindemitgliedern weiterhin nutzen.

Am 18. November 1941 wurde David Gutnik zusammen mit 570 anderen Ju­den aus Norddeutschland von Bremen aus in das Ghetto Minsk deportiert. Von diesen De­portierten sind nur sechs zurückgekehrt; alle anderen – so auch David Gutnik – wurden ermordet. Sie starben entweder im Winter 1941/42 an Kälte und Hunger oder fielen ei­ner der im Juli 1942 einsetzenden Massenerschießungen zum Opfer.

Als Dorothee Wittkopf, David Gutniks nichteheliche Tochter, 1951 wegen des Todes ih­res Vaters eine Entschädigung beantragte, erwähnte sie zur Begründung ihres Antrags auch, dass sie, als sie im Mai 1942 heiraten wollte, von der Gestapo in Hamburg als „Mi­schling 1. Grades“ („Halbjüdin“) eingestuft und mit einem Heiratsverbot belegt worden wäre. Das Landesamt für Wiedergutmachung argumentierte dagegen bei der Ableh­nung des Antrags (u. a.) damit, dass Entschädigungsansprüche schon deshalb ausge­schlossen wären, weil die Antragstellerin als „uneheliches Kind“ nach § 1589 Abs. 2 BGB [in der damals noch geltenden Fassung] als „nicht mit ihrem Vater verwandt“ gälte. Der durch die Anwendung der rassistischen „Nürnberger Gesetze“ tatsächlich entstandene Schaden wurde nach dieser Argumentation unter Zuhilfenahme einer familienrechtli­chen Fiktion als nicht existent betrachtet – eine für die damalige Zeit wohl nicht untypi­sche Denkweise.

Verfasser: Dr. Klaus Eissing/Michael Cochu (Stolpersteine Initiative, 2015)

Informationsquellen: StA Bremen 4,54-E4836, Einwohnermeldekartei

F. Martin Bialystock Gast bei der „Nacht der Jugend“ 2009

In Bremen hat Martin Bialystock seine Jugend verbracht. Als 15-Jähriger flohen er und seine kleine Schwester Miriam zu Fuß in die Niederlande und wanderte gegen den Willen seiner Eltern nach Palästina aus, um sich den britischen Truppen anzuschließen. Seine Schwester und viele andere Familienangehörige starben in Auschwitz.

2009 war Martin Bialystock, begleitet von seiner Tochter Miriam und Enkel Dotan, Gast bei der „Nacht der Jugend“ im Bremer Rathaus.
Durch die Vermittlung von Barbara Johr (Landeszentrale für politische Bildung), die den 86-jährigen Israeli über das Projekt „Stolpersteine“ kennengelernt hatte, wurde der Besuch ermöglicht.

Bremer Nationalsozialisten plünderten 1938 das Geschäft und die Wohnung. An die Familie Bialystock, die am Brill 14 wohnte und dort das Geschäft „Adler“ führte, erinnern Stolpersteine. Der Verein „Erinnern für die Zukunft“ und die Landeszentrale für politische Bildung haben mit Bialystock, den Projektpatinnen – Schülerinnen der Gesamtschule Mitte – und dem Musiker Willy Schwarz dort eine Gedenkfeier abhalten.

Auf dem Schulhof in der Nähe des heutigen Mahnmals, wurden 160 jüdische Männer zusammengetrieben. Ihr Leidensweg führte über das Zuchthaus Oslebshausen ins Konzentrationslager Sachsenhausen.

G. Rattenbekämpfung im 4. Kriegswinter

Während der Kriegsjahre unterlagen die Nahrungsmittel einer strengen Rationierung. Wegen des herrschenden Mangels an Lebensmitteln aller Art wurden Ratten auch die unmittelbaren Nahrungsfeinde des Menschen. In den Bremer Nachrichten ruft die Reichsarbeitsgemeinschaft zur Schadenverhütung zur Rattenbekämpfung auf. Im gesamten Reichsgebiet soll es zu der Zeit 80 Millionen Ratten gegeben haben.

H. Zeitungslizenz neu vergeben

Bis zum Kriegsende hatte der Verleger Schünemann mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet und die Bremer Nachrichten herausgegeben, deshalb wurden die Maschinen durch die Amerikanische Besatzung beschlagnahmt und dann die neue Zeitung: der WESER KURIER herausgegeben.

Lizenzinhaber und Mitinhaber wurde der Redakteur der von den Nazis verbotenen sozialdemokratischen Bremer Volkszeitung, Hans Hackmack.

I. Energie sparen für die Rüstung

In Bremer Zeitungen oder an Hauswänden erschien erstmalig der „Kohlenklau“. Er sollte daran erinnern, Energie nicht zu verschwenden, damit die Rüstungsproduktion dadurch nicht eingeschränkt wird. Entwickelt wurde diese Figur vom Reichsministerium für Propaganda, wie eine erste professionelle Werbekampagne.

Kurz nach dem Kriegsende wurde der Begriff wieder aufgenommen, diesmal im Zusammenhang mit illegalem Schwarzmarkthandel.

J. Entwicklung der Bremer Presselandschaft

1932: Bevölkerung 300.000, Auflagen 120.000 !

Die Bremer Nachrichten (BN) rückten Ende der 20er Jahre auf Druck der konservativen Wirtschaftskreise politisch nach rechts. Daneben gab es die Bremer Volkszeitung (SPD) mit einer Auflage von 18.000, die Bremer Zeitung: Auflage 18.000 sowie die Weser Zeitung.

1918 musste Verleger Schünemann die Weser Zeitung verkaufen. 1929 kauft er sie zurück. Die Weser Zeitung wurde 1934 Beilage der Bremer Nachrichten.

Presse im Nationalsozialismus

Im März 1933 erfolgte die inhaltliche Gleichschaltung der Presse verbunden mit starken Eingriffen in die zuvor allein von ökonomischen Kriterien getragenen Verlagsstruktur. Die Pressefreiheit wurde abgeschafft und die Medien in den Dienst des NS-Staates gestellt. Gleichzeitig wurden Arbeiter Zeitung und Bremer Volkszeitung verboten. Die Bremer Nachrichten dagegen wollten „Politik der nationalen Regierung“ unterstützen. Der Verleger Schünemann war seit 1937 Parteimitglied, und die Zeitung musste eine 51%-Beteiligung der NSDAP hinnehmen.