Herbst 1942 wurde vom Sozial-Gewerk Bremer Handwerker e.G.m.b.H auf einer Fläche von 3 ha (ca. 90m x 300m) ein Arbeitslager errichtet. Der Eingang der Sammelunterkunft „Handwerk“ befand sich an der Riensberger Straße in Höhe des heutigen Magdalene-Timme-Wegs. Im Norden wurde es durch die kleine Wümme begrenzt, nach Westen zog es sich über das Gelände der heutigen Recycling-Station Horn bis zum Bahnübergang Achterstraße.
Auf dem umzäunten Gelände befanden sich 10 Mannschaftsbaracken, 2 Wirtschaftsbaracken, 4 Klosettbaracken. 2 Waschbaracken sowie je eine Geräte-, Führer- und Sanitätsbaracke. Um die Arbeitskräfte vor Luftangriffen zu schützen, waren 4 notdürftige Splittergräben angelegt worden. Zahlreiche – vor allem am Rand des Grundstücks – Lichtmasten erhellten das Lager in der Dunkelheit. Die Mannschaftsbaracken waren ca. 8m breit und 35m lang. Jedes Segment (Raum) hatte eine Breite von 6,6 m. Das ergab in der Summe 50 Räume. Die dem Sozialwerk angeschlossenen Betriebe hatten an das Sozialwerk einen finanziellen Beitrag für jede „ausgeliehene“ Arbeitskraft zu zahlen und mussten sozialversichert werden.
Nach der Auflösung des Lagers berichtete der ehemalige Leiter, Heinrich Schnepel, dass für die Bewachung und Ordnung im Lager ein privater Wachdienst, sowie ein „Lagerdienst“ von „Ostarbeitern“ verantwortlich war.
In dem für 500 Zwangsarbeiter*innen geplanten Lager sollen 1944 bis zu 800 Menschen untergebracht gewesen sein. Es waren vor allem Niederländer, Belgier, Franzosen, Ukrainer und „Ostarbeiter*innen“, Männer und Frauen und sogar Minderjährige. In der Spitze sind jedoch bis zu 1.000 Menschen in den Baracken untergebracht worden. Das bedeutet, dass in einem Raum von ca. 50 m² bis zu 20 Zwangsarbeiter untergebracht wurden. Die Historikerin Anna Leinen berichtet, dass in dem Lager nachweislich 15 Menschen zu Tode gekommen sind, wobei als offizielle Todesursache häufig „Tuberkulose“, aber auch andere Krankheiten, angegeben wurde.
Das Bremer Sozial-Gewerk plante das Lager mit zivilen Arbeiter*innen zu belegen, die in den besetzten Gebieten, z. T. unter Zwang der dortigen Arbeitsämter, „angeworben“ werden sollten, um sie in Bremer Handwerksbetrieben und auf Bauernhöfen einzusetzen. Später kamen Kriegsgefangenen und zwangsweise verpflichtete ausländische Arbeitskräfte hinzu. Vorrangig wurden die Baracken mit Arbeitskräften belegt, die in kriegsnotwendigen Betrieben eingesetzt waren (Rüstungsindustrie, Trümmerbeseitigung/Baugewerbe Versorgung). Unter anderem arbeiteten die Zwangsarbeiter*innen über die Stadt verteilt bei den Borgward-Werken, bei Focke-Wulff, der AG Schiffbau, sowie den Firmen Schellhaas, Cordes u. Sluiter, Lloyd Dynamo und Engelhardt u. Förster. Eine der Aufgaben, die die Zwangsarbeiter zu erledigen hatten, war der Umbau von LKW’s die wegen Treibstoffmangel zukünftig mit Holzgas angetrieben werden sollen.
Die Lagerinsassen wurden mit vergitterten Sonderzügen der Bremer Straßenbahn in geschlossenen Gruppen von der Endstation Horn zu ihren Arbeitsstellen gefahren. Mit fortschreitender Zerstörung von Wohnraum im Verlauf der Luftangriffe wurden auch Fremdarbeiter, die in Privatunterkünften wohnten in das Lager umgesiedelt, um den freiwerdenden Wohnraum ausgebombten Bremern zur Verfügung zu stellen.
Gegen Kriegsende plante die SS im Bedrohungsfall die Zwangsarbeiter zu verlegen. In der sich schnell zuspitzenden Situation wurde der Plan aufgrund fehlender Logistik und fehlender personeller Ressourcen nicht mehr umgesetzt. Im April 1945 erreichten die britischen Truppen auf ihrem Vormarsch in Richtung des Bürgerparks das Arbeitslager.
Nach Kriegsende wurde das Lager von den amerikanischen Truppen beschlagnahmt und genutzt. In den Wohnbaracken wurden Flüchtlinge und auch Bremer Familien, die durch Luftangriffe obdachlos geworden waren, untergebracht.
Zu ihnen gehörte die Familie Rodowski aus Walle. Die Familie wurde dreimal ausgebombt. Nachdem sie deshalb zweimal weit weg von Bremen (Odenwald und Umgebung von Osnabrück) untergebracht worden waren, wurde ihnen von den Amerikanern 1945 ein einzelnes Zimmer in der Holzbaracke Nr. 10 im ehem. Zwangsarbeiterlager zugewiesen. Dort zog die 6-köpfige Familie, bestehend aus Eltern und vier Kindern, sowie die Großmutter, ein. Das Zimmer hatte keine Heizung, gekocht werden musste auf ein offenes Feuer draußen vor der Baracke. Im gleichen Jahr wurde der älteste Sohn Friedrich mit 10 Jahren zum ersten Mal in seinem Leben eingeschult. 1947 durfte die Familie innerhalb des Lagers in die renovierte Baracke Nr. 4 umziehen, wo sie noch bis Anfang 1949 lebte. Danach zog sie um in ein anderes Lager an der Osterholzer Heerstraße, das während der NS-Zeit ebenfalls für die Unterbringung von Kriegsgefangenen gebaut, aber bedingt durch das Kriegsende nicht mehr belegt wurde. In diesen Klinkerhäusern lebte die Familie noch bis 1957, als ihnen eine Wohnung in der Gartenstadt Vahr vermietet wurde.
Bis zur Räumung und Aufgabe des Lagers war die Unterkunft wegen der mangelnden Hygienestandards und der sozialen Konflikte immer wieder im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Die endgültige Räumung des Lagers erfolgte 1962, nachdem sich die Wohnungslage in Bremen entspannt hatte. Zahlreiche der zuletzt verbliebenen Einwohner zogen in die neu errichteten Wohnungen in der Heinrich-Geffken-Straße.
Michael Koppel
(www.chronik-horn-lehe.de)
Zusätzliche Quellen:
Staatsarchiv Bremen
Anna Leinen: „Das Zwangsarbeiterlager „Handwerk“ an der Achter- und Riensbergerstraße“, herausgegeben vom Beirat und Jugendbeirat Horn-Lehe (2026)
Eine kurze Ergänzung & Richtigstellung zum Satz „Die Historikerin Anna Leinen berichtet, dass in dem Lager nachweislich 15 Menschen zu Tode gekommen sind, wobei als offizielle Todesursache „Tuberkulose“ angegeben wurde.“
Die Todesursache „Tuberkulose“ war keineswegs die einzige offiziell angegebene Ursache; es wurden auch weitere Todesursachen genannt, die teilweise auf die schlechten Lebensbedingungen schließen lassen, etwa „„Pneumonie. Herz- und Kreislaufschwäche.“, „Magen-Darmkatarrh. Intoxikation. Herz- und Kreislaufversagen“, „Allgemeiner Erschöpfungszustand. Gastro-Entritis[sic].“ oder „Herzschlag“.
Vollständig nachlesen lassen sich die Rechercheergebnisse hier: https://www.ortsamt-horn-lehe.bremen.de/sixcms/media.php/13/Rechercheergebnisse_Lager_Handwerk.pdf
Ich habe in der Baracke10 und 4 mit meine Eltern und 3 Geschwistern ab mitte 1945 bis 1949 gewohnt.