Die SA-Gruppe Nordsee in Bremen

Heinrich Böhmcker_Staatsarchiv Bremen
Propagandaborschüre Tag der SA-Gruppe Nordsee 1936_Foto Sammlung Loeber
SA Medaille 1933
Das Bild zeigt das Haus in der Hollerallee 75 heute Forum Kirche
Hollerallee-75
1. Januar 1934
Hollerallee 75, Bremen

Die Sturmabteilung (SA) hatte sich aus den Wehrverbänden der frühen 1920er Jahre als Saalschutz- und Straßenkampftruppe der NSDAP herausgebildet. Am Vorabend ihrer politischen Entmachtung und der Ermordung ihrer Führung um Ernst Röhm am 1. Juli 1934 zählte sie rund 4,5 Millionen Mitglieder und war damit die mit Abstand größte Parteigliederung.

Eine SA-Ortsgruppe ist in Bremen erstmals 1926 festzustellen. Nachdem diese kurzzeitig vom Polizeiwachtmeister Friedrich Gravemann geleitet worden war, übernahm der spätere Bremer NS-Senator Hans Haltermann die Gruppe. In dieser Frühphase fiel die Bremer Sturmabteilung durch Angriffe auf vermeintlich jüdische Personen auf. Für Unmut im städtischen Bürgertum sorgte der Überfall auf einen in Bremen weilenden brasilianischen Konsul. Der Vorfall führte 1929 zu einem Gerichtsverfahren. In der Folge wurde die Bremer Gruppe dem späteren Gauleiter Carl Röver in Oldenburg unterstellt.

Während die SA in Bremen in dieser Frühphase allenfalls zweistellige Mitgliedszahlen hatte, verzeichneten Parteiunterlagen 1931 bereits über 6.000 Mitglieder im Bereich Weser-Ems. Die auffällig jungen Männer profilierten sich im Straßenkampf durch raues, brutales Vorgehen. Immer wieder kam es in Bremen und Nordwestdeutschland zu Straßenkämpfen. Während einer Auseinandersetzung mit Kommunisten in Huckelriede wurde der SA-Mann Johann Gossel erstochen, der in der Folgezeit als eine Art Bremer Horst Wessel zum Märtyrer stilisiert wurde. Das 1933 von den neuen Machthabern übernommene „Rote Haus“, die ehemalige KPD-Parteizentrale am Buntentorsteinweg, wurde der SA überlassen und in „Johann-Gossel-Haus“ umbenannt.

Im Februar 1933 übernahm Wilhelm Freiherr von Schorlemer die Führung der mittlerweile als Gruppe Nordsee firmierenden SA-Gliederungen in Nordwestdeutschland. Sein Vorgänger Carl Röver war zwischenzeitlich 1932 Ministerpräsident, dann Gauleiter und Reichsstatthalter in Oldenburg geworden. Schorlemer führte die Gruppe zunächst von Hannover aus. Als der Kaffee-Kaufmann Ludwig Roselius anbot, ein Haus am Osterdeich zu erwerben und der Gruppe unentgeltlich zu überlassen, lehnten Senat und Parteiführung dies als unangemessen ab. Erst mit dem Kauf des Hauses Hollerallee 75 im Frühjahr 1934 fand die Sturmabteilung ihren dauerhaften Sitz in Bremen. Nur zwei Häuser weiter, im heutigen Standesamt, war die NSDAP-Kreisleitung ansässig.

In den ersten Wochen des NS-Regimes war die SA in Bremen vor allem mit der Verfolgung politischer Gegner, Sozialdemokraten, Kommunisten und liberalen Bürgerlichen betraut. Am 8. März 1933 führte Bürgermeister Markert die in Preußen bereits geltenden Richtlinien ein, wonach SA- und SS-Männer als Hilfspolizisten eingesetzt werden konnten. In Bremen wurden 100 derartige Kräfte eingesetzt, in Bremerhaven 25. Zu ihren Aufgaben gehörte auch die Bewachung politischer „Schutzhäftlinge“ in den frühen Bremer Konzentrationslagern Mißler (Findorff), Ochtumsand (in der Ochtummündung) und Langlütjen II (in der Wesermündung). Auch die bekannten Emslandlager Börgermoor, Esterwegen und Neusustrum lagen im geografischen Zuständigkeitsbereich der Gruppe Nordsee. In ihnen taten zunächst SS- und SA-Männer nebeneinander Dienst.

Anfang 1934 häuften sich die Konflikte zwischen Schorlemers SA und Theodor Laue als Polizeisenator. Wiederholt randalierten SA-Männer, von ihrer vermeintlichen Vorkämpferrolle beflügelt und zugleich vom Ausbleiben der „nationalen Revolution“ frustriert, in der Straße, ignorierten polizeiliche Anordnungen, widersetzten sich Verhaftungen durch die Polizei oder provozierten Angehörige der staatlichen Sicherheitsorgane. Der Konflikt zwischen Schorlemer und Laue galt letztlich der Frage des staatlichen Gewaltmonopols, das Laue weiterhin vertrat.

Vergleichbare Konflikte hatten sich in dieser Zeit reichsweit abgespielt. Die SA-Veteranen sahen ihre Verdienste durch die NS-Parteiführung nicht gewürdigt, der SA-Stabschef Ernst Röhm vertrat Hitler gegenüber selbstbewusst deren Interessen. Am 1. Juli fingierte die Parteiführung daher einen angeblichen Putschversuch Röhms und ließ führende SA-Männer durch SS-Kontingente ermorden. Neben Röhm und seinen Vertrauten wurden auch potenzielle konservative Oppositionelle und frühere Widersacher Hitlers getötet, darunter Ex-Reichskanzler Kurt von Schleicher und Hitlers einstiger parteiinterner Gegenspieler Gregor Strasser. Auch Wilhelm von Schorlemer wurde, nicht zuletzt auf Betreiben Bremer Behörden, mit der SA-Führung um Röhm assoziiert und verhaftet. Wenn er auch in der Folge nicht weiter belastet wurde, war seine Rolle in Bremen damit beendet.

Bereits zwei Wochen später wurde im Senat dessen Nachfolger als SA-Führer vorgestellt: Heinrich Böhmcker (1896–1944) war zuvor Regierungspräsident im Oldenburger Landesteil Eutin gewesen und hatte in Ostholstein die Sturmabteilung mit aufgebaut. Er war ein enger Vertrauter von Gauleiter Röver, galt im Ganzen als brutaler „alter Kämpfer“, dem seinen politischen Gegner den Spitznamen „Latten-Heini“ – nach seiner bevorzugten Nahkampfwaffe – verliehen hatten.

Mit der Entmachtung Röhms war die revolutionäre „Kampfzeit“ der SA vorüber, es begannen Jahre der Neuorientierung. Sie blieb aber ein Reservoir, das für Terrorakte, Sicherungsaufgaben und Machtdemonstrationen jederzeit mobilisiert werden konnte. Das Gebiet der Gruppe Nordsee erstreckte sich von der niederländischen Grenze bis zur Elbe, vom Weserbergland bis ins Hannoversche. Sie verfügte über fünf Brigaden: Brigade 62 „Unterweser“ mit Sitz in Bremen, Brigade 63 „Oldenburg-Ostfriesland“ mit Sitz in Oldenburg, Brigade 64 in Osnabrück, Brigade 162 in Minden sowie die ebenfalls in Bremen ansässige, für die nordwestdeutschen Küstenorte zuständige Marinebrigade 2.
Die genaue Zahl der SA-Männer in Böhmckers Zuständigkeitsbereich ist nicht zu benennen. Werden alle Lokalgliederungen im Bereich Nordsee addiert, ergibt sich eine Mindest-Sollstärke von 13.572 und eine Höchst-Sollstärke von rund 96.000 Mann.

Die Gruppe betrieb unter Böhmcker drei Hilfswerklager in Varel, Malgarten bei Bramsche und Blankenburg bei Oldenburg. In diesen „Verwahranstalten mit Fantasiegehältern“[1] (Detlev Humann) wohnten verwahrloste, langzeitarbeitslose SA-Männer, die es ruhigzustellen galt. Ebenfalls unterstanden Böhmcker mehrere SA-Siedlungsprojekte, die nach ähnlichem Schema verdienten SA-Männern eine sinnvolle Tätigkeit bei der Moorkultivierung und Besiedelung ländlicher Gegenden verschaffen sollten.

Die reichsweit ersten drei SA-Siedlungen dieser Art wurden im Bereich der Gruppe Nordsee in Osterholz-Scharmbek, Petkum und Pfalzdorfermoor eingerichtet.

Auf der Suche nach neuen Zuständigkeitsbereichen wurde die Sturmabteilung im Bereich des Wehrsports aktiv. Als Juniorpartner der Wehrmacht organisierte sie paramilitärische Übungen, Reitsport und Schießtrainings. Im Fedelhören unterhielt die Bremer SA eine eigene Reithalle, eine weitere Reithalle existierte in der Vahr. Die regelmäßige Erlangung des SA-Sportabzeichens wurde zur Konvention für Mitglieder der Organisation. Eine 2020 bei Gartenbauarbeiten gefundene Gedenkmedaille erinnert an die Kampfsporttage der SA-Gruppe Nordsee 1933 (siehe Bild). Die jährlichen Kampfsporttage wurden auch nach 1934 als Großevents gefeiert. Massenparaden durch die Pauliner Marsch und über den Osterdeich, Ansprachen von Böhmcker und Röhms Nachfolger Viktor Lutze waren obligatorische Programmpunkte. Beim alljährlichen Tag der SA-Gruppe Nordsee wurden derartige Selbstdarstellungen und Massenkundgebungen wiederholt.

Von großer Bedeutung für die Bremer Sturmabteilung war, dass Heinrich Böhmcker 1937 auch zum Regierenden Bürgermeister der Hansestadt ernannt wurde. Gegen anfänglichen Widerstand Hitlers und auf Insistieren seines Freundes Carl Röver wurde er in dieses Amt gehievt. Der Bremer Bürgermeister verfügte damit über eine eigene Eingreiftruppe von fünfstelliger Kopfzahl.

Immer wieder war die Sturmabteilung unmittelbar in antisemitische Terror- und Gewaltakte involviert. 1933 hatte sie auch in Bremen und Nordwestdeutschland an den Boykottaktionen gegen jüdisch geführte Geschäfte mitgewirkt. Im ländlichen Raum des Gruppengebiets, etwa in Vechta, war die SA für die regelmäßige Bestückung der sog. Stürmer-Kästen zuständig. Trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung waren die Terrorakte und Morde des Novemberpogroms 1938: Während Böhmcker in München auf einer Feier weilte und seine Befehle telefonisch durchgab, führten sein Stabschef Werner Römpagel und sein Adjutant Hans Valsechi in der Zentrale in der Hollerallee Böhmckers Anordnungen mit drastischer Konsequenz aus.
In Bremen und der näheren Umgebung wurden Heinrich Rosenblum, Selma Zwienicki, Dr. Arthur und Martha Goldberg sowie Leopold Sinasohn ermordet. Ein weiteres Todesopfer gab es in Emden. Im gesamten Gruppengebiet brannten die Synagogen, jüdische Geschäfte wurden zerstört.
Die jüdischen Bewohner:innen Bremens wurden in der Nacht auf den 10. November 1938 durch die Straßen zum Oslebshauser Gefängnis getrieben. Während Frauen und Kinder am Folgetag freigelassen wurden, erfolgte die Verschleppung der männlichen jüdischen Bevölkerung in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Insgesamt wurden rund 1.000 Personen aus dem Gruppengebiet verschleppt. Dass in Bremen und Nordwestdeutschland mit besonderer Brutalität vorgegangen wurde, ist auch daran ersichtlich, dass selbst Reichspropagandaminister Goebbels in seinem Tagebuch von „unliebsamen Exzessen“ in der Hansestadt sprach.

Die SA-Gruppe Nordsee musste im Zweiten Weltkrieg viele ihrer regionalen Aktivitäten einstellen. Viele SA-Männer wurden zum Kriegsdienst herangezogen, nicht selten waren sie Veteranen oder Reservisten. Zunehmend wurde Material der Sturmabteilung für die Wehrmacht requiriert. Zugleich fungierte die SA weiter als Stätte der Kriegsvorbereitung, organisierte Schießturniere und war später mit der Organisation der Volkssturmeinheiten betraut. Mit dem Tod Heinrich Böhmckers im Juni 1944 endeten die Aktivitäten in der Hansestadt weitgehend. So weit ersichtlich, wurde sein Amt als Gruppenführer nicht mehr neu besetzt.

Das Haus Hollerallee 75 ist heute Sitz des Forum Kirche der EKB. An die be­las­ten­de Ge­schich­te des Gebäudes er­in­nert das ev. Bildungswerk mit dem Grund­satz von Theo­dor W. Ador­no, durch Bil­dungs­ar­beit ei­nen Bei­trag dazu zu leis­ten, dass »Ausch­witz nie mehr sein wer­de«.

[1] Detlev Humann: Verwahranstalten mit Fantasiegehältern? Die Hilfswerklager der SA für arbeitslose „alte Kämpfer“, in: VSWG 97 (2010) Nr. 4, S. 425-436

Text: Matthias Loeber

 

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Diese Seite wurde zuletzt am 14. April 2022 geändert

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