St. Petri Waisenhaus bietet wenig Schutz

1. Januar 1934
Sudwalderstr. 3, Osterholz-Bremen

Zuerst über 200 Jahre in der Innenstadt neben dem Dom gelegen, wurde das St. Petri Waisenhaus 1922 nach Osterholz verlegt. Hier nahm die Einrichtung hilfsbedürftige elternlose männliche Kinder und Jugendliche auf. Träger des Vereins war die Diakonie des St. Petri Doms in Bremen.

Während der Zeit des Nationalsozialismus sollten im Heim „alle erbgesunden und rassisch einwandfreien Jungen aufgenommen werden.“ In dieser Zeit wurden etwa 750 Kinder und Jugendliche im Alter von 2 bis 21 Jahren aufgenommen. Wie vor und nach der Nazi-Zeit, waren Prügelstrafen üblich. Vorsteher des Heims waren der Lehrer Johann Klüsing und der Diakon Wilhelm Dresen. Klüsing war seit Februar 1938 Mitglied der NSDAP, Dresen seit 1941.

Wenn Jugendliche sich im St. Petri Heim nicht systemkonform verhielten oder nicht den Kriterien der Rassenhygiene entsprachen, wurden sie in andere Anstalten verlegt: psychiatrische Anstalten, Behinderteneinrichtungen und geschlossene, auswärtige Einrichtungen der Fürsorgeerziehung, wie die Betheler Zweiganstalt Freistatt. Die meisten wurden jedoch in den benachbarten Ellener Hof verlegt. Mehrere von ihnen haben diese Verlegung nicht überlebt. Sie wurden in Hadamar, Kutzenberg oder Erlangen ermordet, andere wurden zwangssterilisiert.
Laut Untersuchung von Gerda Engelbracht* wurden mindestens 41 Jugendliche, die in Bremer Heimen lebten, zwischen 1934 und 1945 zwangsweise unfruchtbar gemacht. Dokumentiert ist, dass davon mindestens 3 Mädchen und 7 Jungen in Konzentrationslagern oder psychiatrischen Anstalten gewaltsam zu Tode gebracht wurden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg mussten die von diesen Willkürakten Betroffenen lange auf irgendwelche Entschädigungen warten. In vielen Fällen ist es nie zu einer Entschädigung gekommen, weil die Opfer entweder bereits verstorben waren oder ihnen das Antragsverfahren nicht bekannt war. Gerade die Opfer der Zwangssterilisation mussten viele Jahrzehnte auf eine Entschädigung warten, weil ihr Leid nicht gleichgesetzt wurde mit den Erlebnissen anderer Opfergruppen.

Heute ist im Haus an der Sudwalderstr. 3 die St. Petri Kinder- und Jugendhilfe gemeinnützige GmbH ansässig.

Quellen:

  • Gerda Engelbracht: „Denn ich bin unter das Jugenamt gekommen* – Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung 1933 – 1945“ (Edition Falkenberg, 2018)
    * Zitat eines jugendlichen Briefschreibers
  • Gerda Engelbracht: „Der tödliche Schatten der Psychiatrie – Die Bremer Nervenklinik 1933 – 1945“ (Donat Verlag, 1996)

Kommentieren Sie den Beitrag

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*