Willy Voß kämpft gegen Unrecht und Faschismus

Willy Voß, Fähre Woltmershausen 1938
Willy Voß, links in der Mitte, bei einer Weserfahrt, undatiert
2. April 1933
Auf den Würden 38, Bremen-Woltmershausen

Willy Voß wurde als Sohn eines Schlossers am 12. August 1900 in der Bremer Neustadt geboren. Sowohl sein Vater wie auch sein Großvater waren aktive Sozialdemokraten. Willy folgt ihrem Beispiel und tritt schon mit 12 Jahren ein in die sozialdemokratische Kindergruppe.
Als der Vater, Karl Voß, 1914 stirbt, musste der Friedhof Buntentor bei der Beerdigung wg. der Vielzahl der Trauergäste gesperrt werden. Sowohl am Buntentorsteinweg wie auf der Kornstraße standen die Leute Schlange, um Abschied von ihm zu nehmen.
Ein Jahr später fängt der Halbwaise Willy eine Maschinenbau-Ausbildung bei der AG Weser in Gröpelingen an. Anschließend wird er 1918 zum Militär einberufen.

Willy beteiligt sich aktiv an die Auseinandersetzungen um die Bremer Räterepublik. Am 1. Mai 1920 tritt er der KPD bei. In der Neustadt wird er Kassierer und engagiert sich in der Roten Hilfe und im Rotfrontkämpferbund. Auch beteiligt er sich als Agitprop-Aktivist (Agitation und Propaganda). Im Betrieb vertritt er als erster Vorsitzender des Betriebsrates die Interessen der Kollegen und Kolleginnen der Lloyd Maschinenfabrik.

Willy Voß gründet zusammen mit Karoline, geb. Krimmert, eine Familie. Sie bekommen vier Kinder: Sohn Willy, Tochter Margret, Sohn Rolf, der bedauerlicherweise bereits 6 Wochen nach der Geburt stirbt und Tochter Christa.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wird Willy Voß bereits am 2. April 1933 von fünf Polizisten in seiner Wohnung in Woltmershausen verhaftet. Man bringt ihn ins Gefangenenhaus am Ostertor, wo er in dunkler Einzelhaft eingesperrt wird. Am 20. April übergibt man ihn der SS, die ihn und weitere Häftlinge in das provisorische Konzentrationslager Mißler in der Walsroder Straße in Findorff bringt. In seiner Wiedergutmachungsakte wird Willy Voß später den Transport vom Ostertorgefängnis zum Lager wie folgt beschreiben:

Dann holte mich ein Aufseher aus der Zelle (Ostertorgefängnis, d. V.) und brachte mich zur Treppe. Dort wurde ich von der SS in Empfang genommen. Unter üblen und furchtbaren Redensarten, Drohungen, schlagend und tretend wurde ich die Treppe hinunter gestoßen und musste mich zu meinen Kameraden stellen, die dort schon standen. Unter dauernden Drohungen und Schlägen der SS wurde nach kurzer Zeit die Hoftür geöffnet, wo ein kleiner ½ -Tonner-Lieferwagen stand. Jetzt stürzte sich die ganze SS-Meute auf uns los und schlug und stieß uns auf diesen kleinen Lieferwagen. Wir waren nach meiner Schätzung 35-40 Gefangene. Sitzgelegenheit war nicht vorhanden und so lagen oder hockten wir eng aneinander gepresst, schlimmer wie Vieh, welches man zum Schlachthof fährt.

Und weiter zur Ankunft im Lager Mißler:

Ich selbst wurde schon bei diesem Empfang im Lager sehr schwer misshandelt. Bei den fürchterlichen Schlägen (mit den Gummiknüppeln, die aber hart wie Eisenstangen waren) an allen Körperteilen, wurde ich besinnungslos. Als ich wieder bei Bewusstsein war, gingen die zu Bestien gewordenen SS-Bewacher das zweite Mal auf mich los, solange bis ich wiederum das Bewusstsein verlor.“

Kurz vor der Auflösung des Lagers im Sommer 1934 wird Willy Voß beurlaubt. Jeden zweiten Tag muss er sich jetzt bei der Gestapo melden. Seine Gesundheit ist schwer angeschlagen. Er hat Herzbeschwerden, Angstbeklemmungen, Schlafstörungen. Seinen Beruf kann er nicht mehr ausüben, dennoch findet er eine Stelle bei der AG Weser. Seinen Widerstand gegen die Nazis setzt er illegal fort, insbesondere unter den Marine-Soldaten und Werftarbeitern der AG Weser. Mit einer kleinen Gruppe von Genossen sammelt er Brot und Lebensmittel, die sie an Kriegsgefangene verteilen.

Sohn Willy wird Ende März 1943, er ist dann 16 Jahre alt, ebenfalls verhaftet und schwer misshandelt. Als Grund wird angegeben, dass er nicht der Hitler-Jugend angehört und mit einer nicht-arischen Familie verkehrt hat. Offensichtlich handelt es sich dabei um eine Sinti-Familie. Willy junior erkennt sogar die Vaterschaft eines Kindes an, um die Mutter aus der Sinti-Familie vor der Verfolgung durch die Nazis zu schützen. Die Nazis drohen ihm deshalb mit Sterilisation und ordnen deshalb sogar einen Intelligenztest bei ihm an. Seine Mutter schafft es, ihn aus der Haft zu bekommen. Anschließend zieht man ihn zuerst zum Arbeitsdienst und danach zur Frontbewährung bei der Wehrmacht in Ostpreußen ein. Am 29. oder 30. Januar 1945 ist er im Alter von 18 Jahren in Ostpreußen ums Leben gekommen.

Februar 1945 flieht Familienvater Willy Voß zu seiner Frau und den beiden Töchtern nach Blindham/Niederbayern, nachdem er sich vorher zu einem letzten Mal bei der Gestapo gemeldet hat. In Niederbayern hatte die Familie wg. der alliierten Bombenangriffe auf Bremen Zuflucht gesucht.

Im August 1945 kehrt die Familie zurück nach Bremen. Willy findet als Verfolgter des Nazi-Regimes eine Stelle als Ermittler beim Arbeitsamt, wird ein Jahr später arbeitslos und ist zuletzt bis 1955 im Finanzamt Bremen-Ost beschäftigt. Er beteiligt sich weiterhin politisch in der KPD. Seine nicht zuletzt durch die Misshandlungen im KZ Missler erlittenen Herzleiden sorgen dafür, dass er 1955 arbeitsunfähig geschrieben wird. 1968 stirbt Willy Voss im Kreis seiner Familie. Vom Landesamt für Wiedergutmachung erhält er lediglich eine kleine Rente wegen Schadens im beruflichen Fortkommen durch seine Haft.

 

Quelle: Willy Voß hat sein Leben 1967 auf DIN A4 Seiten handschriftlich festgehalten. Es handelt sich also um seine subjektiven, persönlichen Angaben, die nicht weiter verifiziert werden können. Seine Frau hat sie schriftlich bestätigt. Außerdem hat er 1959 in einem Antrag an das Amt für Wiedergutmachung Angaben zu seiner Person gemacht. Die Bilder sind aus dem Privatbestand seiner Tochter Christa und Enkelin Tanja.

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