Zwangsarbeiter bei der Reichsbahn, Jan de Jong

Jan de Jong
10. November 1944
Obervielanderstrasse, Bremen-Huchting

1955 wurde der Personenverkehr auf der Strecke Bremen – Thedinghausen, die im Jahr 1910 in Betrieb genommen worden war, eingestellt. Zehn Jahre davor, in den Jahren 1944/1945, wurden an dieser Strecke niederländische Zwangsarbeiter beschäftigt. Sie mussten an dieser Trasse Wartungsarbeiten durchführen. Untergebracht waren sie in einem O.T. Lager (Organisation Todt) in Kirchhuchting. Die Bahnstrecke war strategisch bedeutend, denn sie hatte eine Verbindung zu den Gleisen von Bremen nach Oldenburg bzw. nach Hamburg. Und nur wenige hundert Meter entfernt befand sich der Rüstungsbetrieb von Theodor Klatte.

Einer der Niederländer war Johannes Jacobus de Jong, genannt Jan. Er wurde am 6. Juni 1921 in Rotterdam geboren. Am 10. November 1944 wurde de Jong während der „Aktion Rosenstock“-Razzia in Rotterdam, der größten je in den von den Deutschen besetzten Niederlanden, festgenommen. Übrigens gemeinsam mit über 50.000 anderen niederländischen Männern zwischen 17 und 40 Jahren. Jan war damals 23 Jahre alt. und verlobt mit Riek.
Nachdem in den ersten Tagen der Besatzung die Stadt Rotterdam von den Bomben der deutschen Luftwaffe schwer zerstört wurde und beispielsweise ihre Straßenbahnen beschlagnahmt wurden (die u. a. nach Bremen gebracht wurden), wurden jetzt auch die Männer als Arbeitssklaven nach Deutschland deportiert. Zuerst wurden sie zu Sammelstellen gebracht und von dort weiter zu ihren Einsatzstellen im Osten der Niederlande und nach Deutschland befördert.

Jan de Jong landet Ende ‘44 in Bremen-Huchting. Während seiner Zeit im Bahnhof schrieb er seine Erlebnisse in einem Tagebuch auf, das heute noch im Besitz seiner Familie ist. De Jong beschreibt die langweilige, aber schwere Arbeit bei der Gleisverlegung oder die fast täglichen alliierten Bombenangriffe auf Bremen. Währenddessen erfährt er von seiner Verlobten, dass das Haus ihrer Familie in Deventer bei einem englischen Bombenangriff schwer zerstört wurde.
Später stellt man de Jong wegen seiner schlechten körperlichen Verfassung ein als Lagerarbeiter und beschäftigt ihn in der Küche. Ständig denkt er an seine Familie zuhause, ist sie in Sicherheit, hat sie genügend zu essen. Währenddessen gibt er sich zufrieden mit seiner eigenen kargen Kost, denn möglicherweise hat die Familie in Rotterdam noch weniger. Halt findet er in den Briefen seiner Verlobten und der Bibel, denn de Jong ist ein streng gläubiger Mann. Am 18. März 1945 wird ihm sogar die Möglichkeit geboten, in einem Marinelager bei Bremen (wahrscheinlich ist hier das Lager beim Bunker Valentin gemeint. Der Verfasser) während eines Gottesdienstes eine Predigt zu halten.
Hoffnung schöpft er aus den Frontberichten. Offensichtlich haben die Niederländer mitbekommen, dass die Russen ihren Angriff auf Berlin gestartet haben und die Amerikaner den Rhein gequert haben. (Zitiert nach seinem Tagebuch)

Zum Schluss des Krieges werden die Niederländer gezwungen in der Innenstadt von Bremen Räumungsarbeiten durchzuführen. Ihr Arbeitstag ist lang. Morgens um 4.30 Uhr aufstehen, abends um 21.00 Uhr erst wieder zurück.

Am 28. März werden die Niederländer entlassen, weil inzwischen die Bombenangriffe zu heftig geworden sind. Im April 1945 gelingt es Jan de Jong nach Winschoten zu entkommen und am 15. April ist er endlich wieder in seiner Heimatstadt Rotterdam, wo er zuerst entlaust werden musste.
In den Jahren danach ging er einer regelmäßigen Beschäftigung nach. Er hatte jedoch einige schwerere gesundheitliche Beeinträchtigungen auf Grund seines Aufenthalts in Bremen und Umgebung erlitten. Psychische Probleme hatte er nicht, was wahrscheinlich auf sein tiefes Glaubensbekenntnis zurückzuführen ist. Allerdings wurde innerhalb der Familie über die Zwangsarbeiter-Periode von Jan de Jong nicht mehr gesprochen. Erst die Enkel wollten diesen Teil der Familiengeschichte kennen. „Die erste Generation wollte alles vergessen und in den Hintergrund verdrängen, ein neues Leben aufbauen. Die zweite wollte das weiterführen, Karriere machen, bloß nichts fragen, aber die dritte, die wollte wissen, woher sie kommen.“ schreibt Piet, der Enkel von Jan de Jong, an die Spurensuche.

Jan selbst hegte keine Rachegefühle gegenüber Deutschen oder Deutschland. Er machte dort sogar regelmäßig Urlaub. Aber seine Familie möchte lieber nicht auf der Strecke, an der ihr Vater bzw. Großvater Gleise verlegt hat, Zug fahren.

Quelle: Hinweise zum Schicksal von Jan de Jong, wie auch das Bild, stammen von seiner Familie in den Niederlanden

Veröffentlicht am

Ein Hinweis zu “Zwangsarbeiter bei der Reichsbahn, Jan de Jong”

  1. Marina Kortjohann sagt:

    Die konkrete, persönliche Schilderung hat mich berührt.
    Ich bin froh, dass Jan de Jong am Leben geblieben ist, wenn auch versehrt.
    Danke, dass Sie und inzwischen auch seine Familie seine Geschichte würdigen!
    Marina Kortjohann

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