Christliche Lehrerinnen stellen sich mutig gegen die Judendeportation

1. März 1942
Stephanikirchhof 6, Bremen
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Der stärkste Widerspruch gegen die Vereinnahmung der Kirche durch den NS-Staat und seine Handlanger, die Deutschen Christen, regte sich in der Gemeinde St. Stephani. Im Süd-bezirk der Gemeinde konnte sich der NS-kritische Pastor Gustav Greiffenhagen auf eine Gruppe von couragierten Frauen stützen. Die meisten waren Lehrerinnen, arbeiteten in der Gemeinde mit und nahmen für ihre freundliche Haltung gegenüber getauften Juden erhebliche persönliche Nachteile in Kauf. Sie unterstützten diese Gemeindeglieder und handelten damit gegen den DC-Bekenntnisgrundsatz „Die Bremische Evangelische Kirche ist antijüdisch“. Am entschiedensten widersetzte sich Magdalene Thimme (1880 – 1951) den Anordnungen sowohl der Deutschen Christen als auch der Bremer Politik. Sie wurde bereits im September 1937 aus dem Schuldienst entlassen und widmete sich daraufhin als Pensionärin ganz der Arbeit in der Gemeinde.

Als in Bremen die Deportationen der Juden begannen, stellten sich die sechs Frauen mit ihrem Pastor an die Seite der Judenchristen in ihrer Gemeinde. Es handelte sich um vier Familien mit insgesamt zwölf Menschen. In einem Gottesdienst zur Reformation am 2. November 1941 wurden diese kurz vor dem Abtransport besonders gesegnet. Sie wurden mit Geld aus der Kollekte und warmer Kleidung versorgt und in ihren Häusern besucht. Der Nachbar und Kollege Greiffenhagens, Herbert-Werner Fischer (1905 – 1945), Deutscher Christ und NSDAP-Mitglied, meldete den Vorfall umgehend. Die Folgen für Greiffenhagen und die Lehrerinnen waren Verhaftungen und Verhöre durch die Gestapo, Suspensionen und Gehaltskürzungen.

Zur Gruppe dieser Frauen gehörten vor allem Elisabeth Forck (1900 – 1988) und ihre Schwester Thusnelde Forck (1897 – 1972), Maria Schröder (1901-1984), Hedwig Baudert (1899-1991) und Anna Elisabeth Dittrich (1899 – 1981) sowie die Gemeindehelferin Maria Köppen (1917 – 1986). Elisabeth Forck und Magdalene Thimme waren Mitglieder des Bruderrats der Bekennenden Gemeinde an St. Stephani-Süd. Alle wurden, gemeinsam mit weiteren Gemeindegliedern, verhaftet und verhört. Elisabeth Forck wurde mit einer Geldstrafe belegt und vor die Wahl gestellt, entweder die Arbeit für die Gemeinde einzustellen oder aus dem Schuldienst entlassen zu werden. Da sie ihre Schwestern finanziell unterstützte, entschied sie sich für den Beruf.

Gegen die Lehrerinnen Thusnelde Forck, Hedwig Baudert, Anna Elisabeth Dittrich und Maria Schröder begann ein Dienststrafverfahren, das sich bis 1944 hinziehen sollte: Der Reichsstatthalter von Bremen und Oldenburg, Carl Röver (1889 – 1942), entließ sie im März 1942 vorläufig aus dem Schuldienst, ein Viertel ihrer Bezüge wurde einbehalten. Im Mai wurde die Entlassung durch die Dienststrafkammer bestätigt. Die Gemeindehelferin Maria Köppen konnte nicht entlassen werden, da sie von der Gemeinde angestellt war.

Doch Maria Schröder, Anna Elisabeth Dittrich und Hedwig Baudert, alle drei aus evangelisch geprägten Elternhäusern, gingen mit Hilfe eines geschickten Anwalts aus Wuppertal und der Unterstützung durch den Oldenburger Pastor und späteren Oberkirchenrat Heinz Kloppenburg (1903 – 1986) gerichtlich gegen dieses Urteil vor. Die Verfahren zogen sich hin. Am Ende wurden alle drei vom Reichsverwaltungsgericht freigesprochen. Sie konnten in den Schuldienst zurückkehren, allerdings galt für sie ein Beförderungsstopp.

Im Mai 1946 erklärte der Bremer Senat die Urteile gegen die vier Frauen für Unrecht und beantragte die Nachzahlung der entgangenen Gehälter im Zuge der Wiedergutmachung.

Thusnelde Forck hatte in Bremen einen Anwalt gefunden, der ereichte, dass sie mit einer Geldstrafe davon kam. Sie und ihre Schwester Elisabeth wurden nach 1945 dazu herangezogen, an den Entnazifizierungverfahren teilzunehmen und mit zu entscheiden, wer in Bremen als Mitläufer, minder Belasteter oder überzeugter Nazi einzustufen war. In ihren Lebenserinnerungen bezeichnete Elisabeth Forck diese Entscheidungen als sehr belastend. 1949 wurde sie Direktorin am Gymnasium Kleine Helle in Bremen. Als ihr im Dezember 1964 das Bundesverdienstkreuz verliehen werden sollte, lehnte sie freundlich dankend ab mit der Begründung, nicht nur sie, sondern die gesamte Gemeinde St. Stephani-Süd habe gegen NS-Unrecht protestiert. Sie arbeitete in der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit -Brüderlichkeit mit und übernahm 1968 den Vorsitz der evangelischen Gruppe dieser Vereinigung.

Im Bezirk St. Stephani-Nord entschied man sich nach dem Tod des Pastors Wiard Rosenboom (1889 – 1937) für die Illegalität mit dem selbst gewählten Pastor Fritz Schipper (1910 – 1945). Ein DC-Pastor kam auch für diesen Teil der Gemeinde nicht in Frage. In ihren Erinnerungen beschreibt die Gemeindehelferin Magdalene Groot-Stoevesandt (1915 – 1977) diese „Wüstenwanderung: Wir beluden einen Handkarren mit dem Nötigsten: Bibeln, Gesangbüchern, Abendmahlsgeräten und wanderten in die Räume des Bundes für ent-schiedenes Christentum (EC). Bei ihnen durften wir unsere Gottesdienste feiern im Wechsel mit Stephani-Süd. Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) war uns auf den Fersen“. Kollektengelder wurden beschlagnahmt, Mitgliedslisten gesucht, die Räume der EC beschlagnahmt. Magdalene Groot-Stoevesandt und ihr Handwagen bildeten den Fixpunkt der illegalen Gemeinde St. Stephani-Nord, der es immer wieder gelang, sich dem Zugriff der Staatsorgane zu entziehen – im Bombenhagel des zu Ende gehenden Krieges unter größten Schwierigkeiten. Magdalene Groot-Stoevesandt war auch nach 1945 eine wichtige Stütze der Gemeinde, in der sie insgesamt 35 Jahre gearbeitet hat.

(Quellen: Almuth Meyer-Zollitsch „Nationalsozialismus und evangelische Kirche in Bremen“, Veröffentlichung aus dem Bremer Staatsarchiv 1985; Diether Koch „Die Haltung der St. Stephani-Gemeinde in Bremen zum Antisemitismus und zu ihren Gliedern jüdischer Herkunft nach 1933“, 1993; Kurt Meyer „Der evangelische Kirchenkampf“, Band 2 und 3, Vandenhoeck & Ruprecht 1976; Sammelband „850 Jahre St. Stephani Gemeinde“, steintor: Bremen Verlagsgesellschaft mbH, 1990: Magdalene Groot-Stoevesandt „Wüstenwanderung“; Elisabeth Forck „Rückblick“, Band I und II, Privatdruck 1978; Marion Reich: „Elisabeth Forck – Ich tat nur meine Christenpflicht – Aus dem Leben der Bremer Pädagogin“, Schardt-Verlag, Oldenburg, 2015)

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