Studienrätin Magdalene Thimme wg. ihrer Kritik vom Dienst suspendiert

18. September 1937
Schwachhauser Heerstraße 62-64, Bremen
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Evangelische Widerständigkeit in Bremen war stark weiblich geprägt: Eine der entschiedensten Vertreterinnen war die Lehrerin Magdalene Thimme (1880 – 1952). Als siebtes von elf Kindern einer Pastorenfamilie aus einem Dorf bei Nienburg/Weser besuchte sie zunächst keine öffentliche Schule: Der Vater unterrichtete die älteren Kinder und die gaben ihr Wissen an die jüngeren weiter. Später folgte eine Mädchenschule, danach die höhere Töchterschule in Hannover. Sie studierte in Göttingen Englisch, Deutsch und Religion auf Lehramt – Pastorin hätte die theologisch ungewöhnlich gebildete junge Frau in jenen Jahren noch gar nicht werden können.

In ihren hinterlassenen Briefen und Aufzeichnungen zeigt sich bereits in jungen Jahren ein wacher und kritischer Geist, der sie skeptisch und widerständig gegen Nazi-Ideologien machte.

Im April 1913 wurde sie Lehrerin am Kippenberg-Gymnasium in Bremen. Anders als ihre deutsch-national eingestellte Familie teilte sie die Kriegsbegeisterung ab 1914 nicht. Diese Haltung behielt sie bis an ihr Lebensende bei. Im Herbst 1919 kritisierte sie die Rückständigkeit ihrer ebenfalls national gesinnten Kolleginnen und Kollegen und weigerte sich, Gefahren für den Staat allein in linken Gruppierungen und Parteien zu vermuten.

Bereits in den zwanziger Jahren kam Magdalene Thimme mit Arbeiten von Karl Barth (1886 – 1968) in Berührung. Durch die intensive Beschäftigung mit dem Denken des Theologieprofessors war sie gewappnet für spätere theologische und politische Auseinandersetzungen. Im Winter 1926/27 ließ sie sich eigens für ein halbes Jahr beurlauben, um Barth in München zu hören.

Die Auseinandersetzungen begannen nach der Machtübergabe an Hitler im Januar 1933. Als auch in Bremen die Deutschen Christen die evangelische Kirche infiltrierten und schließlich mit Hilfe der NS-Politik die entscheidenden Gremien besetzten, fand Magdalene Thimme in der St. Stephani-Gemeinde eine theologische Heimat, in der mit Gustav Greiffenhagen (1902 – 1968) im Südbezirk und Fritz Schipper (1910 – 1945) im Nordbezirk Schüler Karl Barths Pastoren waren.

Auch in der Schule nahm sie kein Blatt vor den Mund. Prompt wurde sie angeschwärzt und abgemahnt. Unumwunden machte sie klar, dass Gottes Wort für sie über Gesetzen und Verordnungen der Obrigkeit stehe, sie folglich den Eid auf den Führer nur unter Vorbehalt leisten könne. Ebenso weigerte sie sich, der NS-Volkswohlfahrt und dem NS-Lehrerbund beizutreten. Ihre Begründung: Diese kümmere sich nicht um unheilbar Kranke und Juden. Damit war das Maß voll. Einem Verhör durch die Gestapo folgte bald darauf das Berufsverbot. Sie wurde zwangspensioniert. Ein Protestschreiben des Gemeindevorstands blieb ohne Wirkung.

Am 23. Oktober 1934, vier Monate nach der ersten Bekenntnissynode in Barmen, wurde auch in der Gemeinde St. Stephani-Süd ein Bruderrat gewählt. Ohne lange Diskussionen, ob in einem Bruderrat überhaupt Frauen zugelassen sein sollten, wurde Magdalene Thimme in dieses Gremium gewählt. Und mit Elisabeth Forck (1900 – 1988) noch eine zweite Frau. Gemeinsam mit Gustav Greiffenhagen verfasste Magdalene Thimme die Textgrundlage für die erste und einzige Bremer Bekenntnissynode im Februar 1935.

Nach ihrer offiziellen Suspendierung am 18. September 1937 unterrichtete sie noch eineinhalb Jahre ungehindert am Kippenberg-Gymnasium. Der Direktor begründete das damit, dass „die Studienrätin Thimme in einer Unterprima unterrichtet und diese Klasse zur Reife führen muss“. Nebenher widmete sie all ihre Kraft der Bekennenden Gemeinde St. Stephani-Süd. Die offizielle Gemeinde St. Stephani war in der Hand der Deutschen Christen. Die Mitglieder im Nordbezirk hatten mit den Pastoren Wiard Rosenboom (1889 – 1937)) und Fritz Schipper ebenfalls Vertreter der Bekennenden Kirche gewählt. Sie wurden nach Kräften unterstützt durch die Gemeindehelferin Magdalene Groot-Stoevesandt (1915 – 1977).

Die Lehrerin Magdalene Thimme und der Pastor Gustav Greiffenhagen wuchsen in den Zwängen und Diskussionen dieser Jahre zu einem theologisch und praktisch effektiv arbeitenden Team zusammen. Im Landesbruderrat drängte Thimme auf Entschiedenheit und Konfrontation, wenn es wieder einmal Order und Eingriffe seitens der Gestapo oder des selbsternannten Bremer Bischofs Heinrich Weidemann (1895 – 1976) gab. Das führte zu Auseinandersetzungen im Landesbruderrat, der sich eher kompromissbereit zeigte. Die Konsequenz für St. Stephani-Süd hieß deshalb Austritt aus dem Bruderrat.

Als Gustav Greiffenhagen 1935 seines Amtes enthoben wurde, übernahm Magdalene Thimme im Einverständnis mit der Gemeindeleitung praktisch seine Arbeit. Sie unterrichtete die Konfirmanden, schrieb Predigten und hielt die Gemeinde zusammen. Dabei fand sie Unterstützung durch einige andere Lehrerinnen. Lange vor den Nürnberger Gesetzen hatte sie sich bereits mit dem Thema Juden auseinandergesetzt: Für sie waren und blieben sie gleichberechtigte Bürger Deutschlands.

Im Oktober 1941 begann die Deportation der Bremer Juden. In St. Stephani-Süd wurden die zur Gemeinde gehörenden getauften Juden vor ihrem Abtransport in einem Abschiedsgottesdienst besonders gesegnet, anschließend mit warmer Kleidung und Geld aus der Kollekte ausgestattet. Daraufhin wurden mehrere beteiligte Gemeindeglieder verhaftet.

Die vier Lehrerinnen Maria Schröder (1901 – 1991), Hedwig Baudert (1899 – 1991), Anna Elisabeth Dittrich (1899 – 1981) und Thusnelde Forck (1897 – 1972) wurden ihres Lehramts enthoben, ein Viertel ihres Gehalts wurde einbehalten. Die gerichtlichen Auseinandersetzungen zogen sich bis zum Kriegsende hin.

Die Pensionärin Magdalene Thimme schien der Gestapo unbedeutend zu sein: Sie blieb nach dem 2. November frei und erreichte, dass die Gemeindeleitung in Briefen an den Bremer Bürgermeister, an den Kirchenminister und an die Kirchenkanzlei der Deutschen Evangelischen Kirche gegen die Verhaftungen protestierte: Gegen den schweren Eingriff in unser Gemeindeleben erheben wir Anklage. Es ist nicht recht, dass man Gemeindegliedern ihre selbstverständlichen Pflichten als Christen zum Vorwurf macht und zum Anlass nimmt, sie ihrer Freiheit zu berauben. Für diesen Brief musste Magdalene Thimme 500 Reichsmark Strafe zahlen.

Als überzeugte Pazifistin verurteilte sie sowohl während der Zeit des Nationalsozialismus als auch nach 1945 jede Art von Krieg. Noch im Jahr vor ihrem Tod, am 12. Mai 1951, hielt sie diese Überzeugung in einem „Wort zum Frieden“ fest.

(Quellen: Diether Koch „Zur Erinnerung an Magdalene Thimme 1880 – 1951“, Sonderdruck aus dem bremischen Jahrbuch Band 71, 1992; Louis-Ferdinand von Zobeltitz „Frauen im Bruderrat – Magdalene Thimme“, 2012; Eberhard Röhm/ Jörg Thierfelder „Juden – Deutsche – Christen“, Band 4/1: 1941-1945 , Calwer Taschenbibliothek; Diether Koch „Die Haltung der St. Stephani-Gemeinde in Bremen zum Antisemitismus und zu ihren Gliedern jüdischer Herkunft nach 1933“, 1993)

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