„Dienststelle für Zigeunerfragen“ verantwortet Deportation der Sinti und Roma

Das Bild zeigt das Polizeihaus am Wall
Polizeihaus-am-Wall
Wilhelm-Mündtrath_Staatsarchiv-Bremen
13. März 1943
Am Wall 201, Bremen-Mitte

Im Polizeihaus am Wall 201 war nicht nur die Führung der Bereitschaftspolizei untergebracht, sondern auch die Kriminalpolizei (Kripo). Sie stand unter der Leitung von Franz Hahn.
Auf Reichsebene musste per Runderlass vom 8. Dezember 1938 bei jeder Kriminalpolizeileitstelle eine „Dienststelle für Zigeunerfragen“ eingerichtet werden. Aufgabe dieser Dienststelle war die zentrale Erfassung aller „Zigeuner und Landfahrer“ (im Weiteren hier Sinti und Roma genannt). Wahrscheinlich griff die Dienststelle zu diesem Zeitpunkt bereits auf länger existierende Akten, die sog. „Zigeuner-Registratur“ der Bremer Polizeibehörden zurück.
Die Dienststelle gehörte zur Inspektion III, war zuständig für den nordwestdeutschen Raum und unterstand dem Kriminaldirektor Carl Krämer, der gleichzeitig stellvertretender Leiter der Kriminalpolizei war. Die Dienststelle wurde umgänglich als „Zigeunerdezernat“ bezeichnet und stand wiederum zuerst unter der Leitung von Franz Gails. Er war es, der im Wesentlichen die erste Deportation der Sinti und Roma, vornehmlich aus Bremerhaven, organisierte.
Nachdem für kurze Zeit zuerst Wilhelm Herzmann die Leitung von Gails übernommen hatte, wurde dieser im Sommer 1941 von Wilhelm Mündtrath nachgefolgt. Letztgenannter war dann zuständig für die zweite Deportation in März 1943.
Im gesamten Bereich der Bremer Kriminalpolizeileitstelle waren überdurchschnittlich viele NSDAP-Mitglieder beschäftigt.

Die Mitarbeiter des Dezernats sperrten in Vorbereitung der ersten Deportation aus ihrem Zuständigkeitsbereich im Frühjahr 1940 Sinti und Roma aus Verden, Bremervörde, Emden, Edewechterdamm und Oldenburg ein im Lager Schützenhof an der Bromberger Straße in Gröpelingen. Sämtliche Wertgegenstände wurden ihnen abgenommen und später der Kriminalpolizei in Hamburg übergeben. Sie wurden mit einer weiteren großen Gruppe aus Bremerhaven zwischen dem 16. und 20. Mai 1940 von Hamburg aus in den von der Wehrmacht besetzten Teil Polens deportiert (zunächst Belzec). Viele starben in den unterschiedlichen Lagern. Der Deportationszug aus Bremerhaven wurde von Kriminalkommissar August Baden organisiert.

Die zweite Deportation fand im März 1943 statt. Wilhelm Mündtrath und seine Mitarbeiter hatten Anfang März sämtliche ihnen bekannte Sinti und Roma aus Nordwestdeutschland, darunter ganze Familien mit Neugeborenen und kleinen Kindern, in einer leerstehenden Halle des Bremer Schlachthofes auf der Bürgerweide untergebracht. Auch sie wurden vor Ort gezwungen ihre Wertgegenstände abzugeben. Vom Schlachthof wurden über 270 von ihnen zum Auswanderergleis auf dem Hauptbahnhof gebracht, wo sie in bereitstehende Eisenbahnwagons einsteigen sollten. In Begleitung der bremischen Polizisten wurden die Sinti und Roma nach Auschwitz-Birkenau, ins sog. „Zigeunerfamilienlager“ gebracht. Von ihnen kehrten nur wenige lebend zurück.

Nach der Befreiung wurden die Mitarbeiter der „Dienststelle für Zigeunerfragen“ von den Alliierten hauptsächlich im ehem. KZ Riespott interniert. Im nachfolgenden Entnazifizierungsverfahren wurde keiner der verantwortlichen Kriminalbeamten verurteilt. Leute, wie Wilhelm Mündtrath und Friedrich Lachmund (er war in Bremerhaven zusammen mit August Baden für die NS-Verfolgung der Sinti und Roma zuständig), die zwar zuerst in der Entnazifizierung als „Minderbelastete“ oder „Belasteter“ eingestuft wurden, wurden aber letztendlich doch amnestiert. Meist entlasteten sie sich selbst oder gegenseitig mit der Behauptung, nicht gewusst zu haben, was in Auschwitz-Birkenau mit den Verfolgten geschehen würde. Sie wären von einer „Umsiedlung“ ausgegangen. Im Anschluss an das Entnazifizierungsverfahren wurden sie bei der Polizei meist weiterbeschäftigt und prägten damit noch Jahrzehnte das zukünftige Verhalten der Polizei in Bremen und Bremerhaven gegenüber Sinti und Roma.

Quellen:
Hans Hesse, „…wir sehen uns in Bremerhaven wieder“. Die Deportation der Sinti und Roma am 16./20. Mai 1940 aus Nordwestdeutschland, herausgegeben vom Stadtarchiv Bremerhaven in Kooperation mit der Stiftung Hamburger Gedenkstätten und Lernorte (2021)
Hesse, Hans, „Ich bitte, die verantwortlichen Personen für ihre unmenschlichen Taten barbarischen Taten zur Rechenschaft zu ziehen“ – Gedenkbuch zur NS-Verfolgung der Sinti und Roma aus Nordwestdeutschland, Teil 2, Bremen 2022, S. 32-39.
Bild Mündtrath: Staatsarchiv Bremen

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Diese Seite wurde zuletzt am 9. September 2022 geändert

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