Frauen aus dem KZ–Aussenlager Stuhr/Obernheide bauen „Behelfsheime für Ausgebombte“

Lüning_Behelfsheim_1943
Lüning_Behelfsheim_1943_Kopie in Stadtarchiv Syke_MD
Lüning Plattenbau_Bodenplatte
BH_Plattenbau_Bodenplatte_1_MD
Trümmerräumung durch Zwangsarbeiterinnen
Trümmerräumung durch Zwangsarbeiterinnen
1. Mai 1943
Hemelinger Str. 46, Bremen-Hemelingen

Die Betonbaufirma Lüning & Sohn verfügte über zwei Produktionsorte, nämlich in Syke und in Bremen–Hemelingen. Dort befand sich die Betriebsstätte an der Hemelinger Straße 46.[1] Der Historiker Müller[2] nennt für den letzteren eine Zahl von 50 Frauen, die täglich per Lastwagen aus dem 20 km entfernten Lager Stuhr/Obernheide transportiert wurden. Wie auch bei der Firma Rodiek in Achim/Uphusen bestand ihre Aufgabe darin Einzelteile aus Leichtbeton für den Bau von Behelfsheimen in Schnellbauweise herzustellen. Voraussetzung dafür war das Vorhandensein von Holzformen, in die der breiige Beton gefüllt, verdichtet und glattgestrichen wurde. Diese Holzformen wurden, wie beim Betrieb von Rodiek, in der werkseigenen Tischlerei hergestellt oder von einem holzverarbeitenden Betrieb zugeliefert. Die Behelfsheime dienten in Bremen der Unterbringung von Familien, deren Häuser durch alliierten Fliegerangriffen zerstört worden waren.

Der Leichtbeton, der neben Zement und Wasser die Zuschlagstoffe Bims oder feine Kraftwerksschlacke enthält, hat den Vorteil, dass die Bauteile später ein geringes Gewicht bei ausreichender Wärmedämmung aufweisen. Die Jüngste im KZ–Kommando namens Julia Pollack hatte zum Beispiel als  16 Jährige die Aufgabe die 50 kg schweren Zementsäcke aufzureißen und den Inhalt in die hoch gelegene Öffnung des Betonmischers zu schütten. Andere mussten auch Moniereisenstangen biegen, Beton transportieren und Formbretter sägen.

Weiterhin arbeiteten im Hemelinger Werk auch italienische Internierte[3] und niederländische und belgische Zivilarbeiter.

Mit  der beschriebenen Betonfertigung wurde ein Großauftrag  des Bremer Senators für das Bauwesen vom Mai 1943 für den Bau von 250 Fertighäusern  realisiert, und zwar nach  dem Lüning–System. Diese Liefermenge wurde im darauffolgenden Jahr auf ca. 580 Fertigbauten erhöht. Im Konstruktionsbüro von Lüning war ein Kleinsthaus mit einer Grundfläche von ca. 21 m2 entwickelt worden. Zwischen die einbetonierten Ständer wurden Leichtbauplatten geschoben und mit Mörtel befestigt. Das komplette Dach mit sehr geringer Neigung wurde aus Betonbindern und –dachplatten errichtet und zum Schluss mit Teerpappe beschichtet.

Die Arbeit bei Lüning war bei den Zwangsarbeiterinnen übrigens begehrt. Während andere Frauen in der Bremer Innenstadt beim häufigen Trümmerräumen von den Wachleuten meist sehr schlecht behandelt wurden, ging es hier relativ kollegial zu. Obendrein war die Bewachung durch meist ältere Soldaten weniger streng. Im Gegensatz zu den geringen und wenig nahrhaften Mahlzeiten im Lager gab es hier einheitlich für die gesamte Belegschaft zur Zufriedenheit der hungrigen Frauen ein ordentliches Eintopfgericht. Das Essen wurde von täglich von einer Küche der DAF (siehe Glossar) in Sebaldsbrück geliefert. Diese Rationen waren aber auch nicht ausreichend für die schwer arbeitenden Frauen. Auch hier zeigte sich eine gute Solidarität untereinander: Die ausländischen männlichen Arbeiter teilten nämlich den Inhalt der Rot–Kreuz–Pakete mit ihnen.

Innerhalb von vier Monaten nach Auftragserteilung waren 134 Bausätze abgeliefert worden. Weitere 162 Bauten waren noch in Vorbereitung. Das Werk war auch wie die anderen Betonwerke bis ca. Mitte März 1945 in Betrieb. Danach wurden die Gefangenen per Viehwaggon in einer 4 tägigen Fahrt nach Bergen Belsen verbracht.[4]

[1] StAB Sig. 429/1 Nr. 768.  Schreiben wegen Lieferauftrag des Statthalters Weser-Ems an die Fa. Lüning, Bremen-Hemelingen, am 12. Januar 1944.

[2] Müller, Hartmut: „Wie soll ich je vergessen – KZ – Außenlager Obernheide. Bremen 2020.

[3] Nach der Besetzung Italiens durch  amerikanische Verbände verkündete die dortige Regierung im Sept. 1943 den Waffenstillstand mit Amerika. In Folge wurde das Land nun als Kriegsfeind eingestuft und u. a. Italienische Soldaten im deutschen Reichsgebiet in Lagern interniert.  Sie hatten wie die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter meist kriegswichtige Arbeiten auszuführen (Siehe dazu Glossar)

[4] Müller, a. a. O. S. 166 ff.

 

 

 

Veröffentlicht am und aktualisiert am 31. Dezember 2025

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