Vermessen – Rassismus als Wissenschaft. Christian von Kroghs Forschungen in Obervieland

Abbildung aus dem Beitrag von Christian von Krogh
1. Juli 1935
Ecke Arster Heerstraße/Twiedelftsweg, Bremen-Obervieland

1934 und 1935 führte der deutsche Anthropologe Christian von Krogh in Obervieland eine anthropologische Feldstudie durch. Ziel seiner Untersuchungen war es, das Aussehen und den Charakter der Obervieländer Bevölkerung unter „rassischen“ Gesichtspunkten zu beschreiben und ihre historische Entwicklung zu erklären. Zu diesem Zweck nahm er Untersuchungen an 251 Personen vor. Mit seiner Studie versuchte der Anthropologe zur vermeintlichen wissenschaftlichen Legitimation der NS-Ideologie beizutragen.

Christian von Krogh wurde 1909 geboren. Er studierte erst Architektur, ab 1932 Anthropologie in München, wo er 1935 promovierte. Schon seit 1930 war er Mitglied der NSDAP und trat 1931 der SS bei. Charakteristisch für die anthropologische Forschung seiner Zeit ging er davon aus, dass Menschen verschiedenen Rassen angehören, denen er unterschiedliche Wertigkeiten zusprach. Die angeblichen Menschenrassen bildeten in der Vorstellung der damaligen Anthropologie eine klare Hierarchie. Dass Krogh sich keinesfalls um wissenschaftliche Neutralität kümmerte, zeigt sein weiterer beruflicher Werdegang: Ab 1939 war er Leiter der Hauptstelle im Rassenpolitischen Amt in München. Er war somit aktiv an den Bemühungen um die „Reinhaltung“ der „Rasse“ beteiligt – die in ihrer praktischen Konsequenz bis 1945 Millionen Todesopfer forderte.

Um jeden Einfluss von Außerhalb auszuschließen, untersuchte Krogh im Obervieland nur Personen, deren Familien seit drei Generationen vor Ort gelebt hatten. So glaubte er, den aus der „dauernden Ahnengemeinschaft“ gezüchteten „rassischen Typ“ herauslesen zu können. Obwohl zu jener Zeit längst archäologische Funde bekannt waren, die auf Migrationsbewegungen im Bremer Gebiet hinwiesen, sah Krogh in der lokalen Bevölkerung keinen Hinweis auf eine „blutmäßige Veränderung“. Nach seiner Auffassung waren die ortsansässigen Menschen von der vorchristlichen Zeit bis in die jüngere Vergangenheit „rassisch“ unverändert geblieben. Die engen Verwandtschaftsverhältnisse innerhalb der bäuerlichen Familien wertete er positiv. Er glaubte, dass so die angebliche rassische Zusammensetzung der Menschen erhalten bleiben würde. Er legte großen Wert darauf, in diesem Fall von „Ahnengemeinschaft“ und nicht von Inzucht zu sprechen.

Die Vermessung und statistische Auswertung von 251 Personen und der Vergleich mit 164 Schulkindern aus Habenhausen brachte Krogh zu umfangreichen Schlüssen zur Zusammensetzung der Obervieländer Bevölkerung. Der „Typ des norddeutschen Bauern“ stand für ihn in seiner angeblich isolierten Entwicklung der rassisch durchmischten Stadtbevölkerung gegenüber. Aufgrund der großen Körperhöhe, heller Haar- und Augenfarbe, schmaler Nasen und schmaler Gesichter ordnete er sie der „nordischen Rasse“ zu. Krogh zeichnete damit ein propagandistisches Traumbild der Nationalsozialisten und ihrer Ideologie. Die bäuerliche Bevölkerung sollte als reine, ursprüngliche Form der „nordischen Menschen“ präsentiert werden. Ihr gegenüber galt die Arbeiterschaft als vermischt und uneinheitlich. Der Lebensrealität in unmittelbarer Nähe zu einer Großstadt wie Bremen dürfte dieses Bild auch in den 1930er Jahren nicht entsprochen haben.

1935 beendete Krogh seine Vermessung der Menschen vor Ort und begab sich nach München, dort wertete er seine gewonnenen Daten aus. 1938 präsentierte er seine Ergebnisse mit einem Artikel in den „Schriften der Bremer Wissenschaftlichen Gesellschaft“*, der heutigen „Wittheit zu Bremen“. 1940 erschien ein zweiter Aufsatz mit dem Titel „Die Skelettfunde des Bremer Gebietes und ihre Bedeutung für die Rassengeschichte Nordwestdeutschlands“, wieder in der gleichen Schriftenreihe. Indem er seine eigenen Forschungsergebnisse zur aktuellen Bevölkerung des Obervielandes mit Grabungsfunden aus dem Bremer Stadtgebiet verglich, versuchte er eine „Rassengeschichte“ der Region zu schreiben. Insbesondere faszinierten ihn die Ausgrabungen Ernst Grohnes in Mahndorf. Krogh wertete Knochenfunde von dort aus und ordnete sie hauptsächlich der „nordischen Rasse“ zu. Dabei entwickelte sich eine engere Zusammenarbeit mit dem Focke-Museumsdirektor und Denkmalpfleger.

Die Wissenschaftliche Gesellschaft, die Christian von Kroghs Artikel herausgab, war keine verschrobene Kleingruppe. Sie repräsentierte das Bildungsbürgertum der Stadt. Eine scharfe Trennung von Fachwissenschaft und ideologischer Parteiarbeit gab es nicht, ihre Protagonisten stimmten nicht selten überein. Forschungen wie jene im Obervieland waren nicht die belächelte Arbeit von Sonderlingen, sondern fanden im Auftrag etablierter Forschungsinstitute statt.

Auch der Zusammenbruch 1945 und der politische Neubeginn in Deutschland führten hier zu keinem radikalen Bruch. Das Ende des Nationalsozialismus bedeutete nicht das Ende der rassistisch motivierten Forschung. Dass die Anthropologie als objektive Wissenschaft wahrgenommen wurde, half ihr nach 1945 in großem Maße. Wissenschaftler wie Christian von Krogh konnten sich darauf berufen, dass sie angeblich immer exakt und sachlich gearbeitet hätten. Die engen Verflechtungen mit der NSDAP und der SS leugneten die Forscher. Stattdessen behaupteten sie, dass ihr Fach von den Nationalsozialisten missbraucht worden sei, während sie selbst gewissenhaft gearbeitet hätten.

Quelle: Dieser Beitrag wurde der „Spurensuche Bremen“ freundlicherweise von Matthias Loeber zur Verfügung gestellt.

Fußnote: * Krogh, Christian von: Das Obervieland. Ein Beitrag zur Rassenkunde der nordwestdeutschen Bevölkerung, in: Schriften der Bremer Wissenschaftlichen Gesellschaft. Reihe D. Abhandlungen und Vorträge, Jahgang 12, Bremen 1938/39.

Die Forschungsarbeit des NS-Anthropologen Christian von Krogh ist 2019 in Form einer Poster-Ausstellung mit dem Titel „Vermessen. Rassismus als Wissenschaft. Ein Beispiel aus Obervieland“, aufgearbeitet worden.

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Diese Seite wurde zuletzt am 31. März 2020 geändert

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