Die Bremer Nervenklinik

1. Januar 1934
Osterholzer Landstraße 51, Osterholz-Bremen

1904 öffnete vor den Toren der Stadt Bremen, im heutigen Stadtteil Osterholz, das St. Jürgen-Asyl seine Pforte. In der Sprache der damaligen Zeit war es jedoch die Bremer Irrenanstalt. Später wurde es auch unter den Namen „Bremische Heil- und Pflegeanstalt“ oder „Bremer Nervenklinik“ geführt. Heute ist es als Klinikum Bremen-Ost Teil der Gesundheit Nord gGmbH.

Patienten/innen und das zunächst ungelernte Pflegepersonal lebten früher zusammen auf dem Areal. Schon früh organisierte sich ein Großteil des Pflegepersonals der „Nervenklinik“ gewerkschaftlich, später auch in der SPD und in dem sozialdemokratischen „Reichsbanner“, ein bewaffneter Schutzbund. Die „Reichsbanner“ Mitglieder waren die ersten, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, entlassen wurden. Es folgten die sonstigen Sozialdemokraten/innen. Die Entlassung wirkte sich gravierend auf die Versorgung der Patienten/innen aus. Für die Entlassenen wurde neues, diesmal regimekonformes, Personal eingestellt. Für diese Kräfte wurden zum Teil sogar neue Wohnungen am Oewerweg gebaut. Vom männlichen Personal wurde verlangt, dass sie der SA beitreten.

Von den Patienten/innen wurde ebenfalls systemkonformes Verhalten verlangt. Hierzu gehörte beispielsweise der „deutsche Gruß“, die Achtung nationalsozialistischer Symbole und Parolen etc.

Ende August 1939 mussten zusätzlich zum bisherigen Krankenbestand 130 Kinder und ältere Menschen aus dem Haus Reddersen und der Egestorff-Stiftung in der Nervenklinik aufgenommen werden. Die jetzt beengten Verhältnisse wurden noch zusätzlich durch die Unterbringung von Soldaten erschwert.

Sozialdarwinistische Anschauungen hatten sich in der Psychiatrie in Deutschland bereits vor der Machtübergabe an Hitler im Januar 1933 breit gemacht. Schon zu dieser Zeit wurden Forderungen nach „Zwangssterilisation“ öffentlich geäußert, insbesondere bei der „Bekämpfung“ von Alkoholismus. Unter den Nazis bekamen diese Anschauungen jedoch zusätzlichen Auftrieb und vor allem führten sie zu konkreten rassenhygienischen Handlungen bis hin zur „Euthanasie“. Zwangssterilisationen wurden nicht nur an Erwachsenen, sondern auch an Kindern und Jugendlichen vorgenommen. Bereits am 1. Januar 1934 war auf der Reichsebene dazu das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ in Kraft getreten. Auf Grundlage dieses Gesetzes wurden systematisch Patienten/innen dem zuständigen Erbgesundheitsgericht in Bremen übergeben, das dazu Gutachten erstellen ließ. Zwangssterilisationen wurden anschließend im Bremer Krankenhaus Sankt-Jürgen-Straße vorgenommen. Bis Ende Dezember 1944 wurden in der Stadt ca. 2665 Sterilisationsverfahren durchgeführt. In mindestens 19 Fällen überlebten die Patienten/innen den Eingriff nicht.

Die Forderung nach Vernichtung „lebensunwerten“ Lebens war ebenfalls bereits vor der Machtübernahme durch die Hitler-Partei von „Wissenschaftler/innen“ erhoben worden. Ihnen reichte dafür eine Kosten-Nutzen Rechnung, wozu Kosten für Pflegepersonal, Ernährung, Erhaltung von Bausubstanz etc. gehörten, die dem „gesellschaftlichen Nutzen“ dieser Menschen gegenüber gestellt wurden. Unter den Nazis, die sich diese „Überlegungen“ zu Nutzen machten, fing ab 1939 eine systematische Erfassung der betreffenden als „unheilbaren und arbeitsunfähig“ eingestuften Kranken an und umfasste sowohl Erwachsene, als auch Kinder und Jugendliche. Die Erfassung mündete schließlich in die „Aktion T4“ bei der ähnlich wie in den Vernichtungslagern mehr als 70.000 Menschen industriemäßig vergast wurden. Als man aus unterschiedlichen Gründen die „Aktion T4“ im Frühjahr 1941 beendete, bedeute dies nicht, dass nicht weiter gemordet wurde. Statt mit Gas wurden die Menschen nun mit Medikamenten, mit Spritzen und durch Nahrungsentzug getötet.

Von der Bremischen Heil- und Pflegeanstalt aus sind Patienten/innen auf Grundlage der obengenannten Richtlinien in verschiedene Anstalten im Reichsgebiet verschickt worden. Dort wurden die meisten umgebracht. Diese Einrichtungen befanden sich u.a. in Wehnen bei Oldenburg, Lüneburg, Hadamar, Uchtspringe und Meseritz-Obrawalde. Nur wenige kehrten nach der Befreiung nach Bremen zurück, wie beispielsweise 27 von 307 von Bremen nach Meseritz-Obrawalde verlegten Patienten/innen.
Doch auch in der Bremer Anstalt selbst kann eine hohe Sterblichkeitszahl festgestellt werden. Patient/innen starben an fehlenden, für ihre Krankheit aber wichtigen Medikamenten und an Unterernährung, denn ihnen wurde nur eine „reduzierte Kriegskost“ zugeteilt.
Zu den Bremer Opfern der Medizinverbrechen zählen mindestens 886 Kinder, Jugendliche und Erwachsene, im Alter von 2 bis 93 Jahren.

Nach Kriegsende wurde der letzte Anstaltsleiter, Walther Kaldewey, verhaftet. Sein Prozess fand 1948 statt. Im Juni 1948 wurde Kaldewey mangels Beweise freigesprochen. Im Entnazifizierungsverfahren wurde er als „Mitläufer“ eingestuft.

Quellen:
Gerda Engelbracht: „Denn ich bin unter das Jugenamt gekommen* – Bremer Jugendfürsorge und Heimerziehung 1933 – 1945“ (Edition Falkenberg, 2018)
* Zitat eines jugendlichen Briefschreibers.;
Gerda Engelbracht: „Der tödliche Schatten der Psychiatrie – Die Bremer Nervenklinik 1933 – 1945“ (Donat Verlag, 1996)
Gerda Engelbracht: „Erinnerungsbuch für die Opfer der NS-Medizinverbrechen in Bremen“ (Edition Falkenberg, 2016).

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