Pastor Friedrich Denkhaus in Opposition zur Reichskirche

Immanuell Kirche
Friedrich Denkhaus
28. Juni 1934
Elisabethstraße 17-18, Bremen-Walle

Die Bremer Immanuel-Gemeinde im Stadtteil Walle ist ein Beispiel dafür, wie ein Pastor und seine Gemeinde eine geschlossene Einheit gegen die Anmaßung eines deutsch-christlichen Bischofs und seiner nationalsozialistischen Handlanger bildeten. Diese Standhaftigkeit kann zwar kaum als politischer Widerstand bezeichnet werden, sie war vielmehr der Protest gegen die innerkirchliche Durchsetzung des Führerprinzips und eine Widerständigkeit gegen die Verstöße der Kirchenleitung gegen die Verfassung der Bremischen Evangelischen Kirche von 1920.

Wie so viele andere sah die Gemeinde zunächst im Nationalsozialismus und in der evangeli­schen Einheitskirche ein Bollwerk gegen Freidenkertum und Bolschewismus. Man unterschied zwischen den beiden Reichen „Welt“ und „Kirche“ und wehrte sich lediglich gegen Eingriffe der „Welt“ in das Reich „Kirche“. Wirtschafts­krise und Aufrufe zum Kirchenaustritt aus linken Kreisen hatten dafür gesorgt, dass die Kirchenreihen sich schlossen und auch Immanuels Pastor Friedrich Denkhaus (1907 – 1972) den am 27. April 1933 in bremischen Zeitungen erschei­nenden „Aufruf Bremischer Pastoren“ unterschrieb: Aus dem großen Geschehen unserer Zeit hören wir den Ruf Gottes an unsere Kirche zu einer neuen Gestaltung. Wir wollen die evangelische Kirche deutscher Nation (Reichs­kirche).
36 bremische Pastoren setzten ihre Unterschrift unter das Dokument, das aber auch bereits eine klare Ansage enthält: Die Heilige Schrift Alten und Neuen Testaments und das Bekenntnis der Reformation Martin Luthers sind uns unverrückbare Grundlagen. Allein von hier aus ist die Neugestaltung der Kirche möglich.
An diesen Satz hat sich die Immanuel-Gemeinde mit ihrem Pastor gehalten. Sie schloss sich bereits 1934 der Bekennenden Kirche an. Weisungen des linientreuen Bremer Bischofs Heinrich Weidemann (1895 – 1976) stießen auf Ablehnung.

Am 24. Januar 1934 wurde der Kirchentag, die Synode der Bremischen Evangelischen Kirche, mit Zustimmung von Reichsbischof Ludwig Müller (1883 – 1945) durch den NS-Senator und zuständigen Staatskommissar Otto Heider (1896 – 1960) aufgelöst. Weidemann als Kreisleiter der NS-hörigen Deutschen Christen (DC) wurde zum Landesbischof ernannt. Dagegen protestierten 13 Pastoren, unter ihnen Denkhaus. Sie warfen Heider Verfassungs- und Bekenntniswidrigkeit vor. Die Gemeinde lud außerdem den Mitbegründer der Bekennenden Kirche, Pastor Martin Niemöller (1892 – 1984), als Prediger ein.

Auch auf einer Gemeinde-Vorstand­sitzung am 28. Juni 1934 fand Friedrich Denkhaus klare Worte: Die Entwicklung der bremischen Kirche gemäß den Vorstellungen der Deutschen Christen verstoße gegen Bibel und Bekenntnis. Das könne er als Pastor nicht mehr mittragen. In einer längeren Erklärung an die Kirchenleitung begründete Denkhaus diese Aussage. Da­rin stehen Sätze wie „Die Gemeinde unter dem Führerprinzip ist eine entmündigte Gemeinde und Es sind kirchliche Zustände geworden, die nach meiner biblischen Erkenntnis der Heiligen Schrift und ihrem Geist wie ihren klaren Anweisungen ins Gesicht schlagen.“

Der Vorstand der Gemeinde stellte sich in seiner Sitzung am 30. Juni 1934 einmütig hinter ihn. Mit symbolischen Handlungen erhob die Gemeinde Widerspruch: Sie verweigerte den Hitlergruß, flaggte nicht, als es angesagt wurde. Sie ließ eine neue Glocke gießen, obwohl die alte noch in Ordnung war, und gab ihr die Inschrift „Die Reiche der Welt gehören unserem Herrn und seinem Christus, und er wird regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Friedrich Denkhaus schaffte es, den von der NSDAP gestützten Landesbischof und Anführer der Deutschen Christen für den 24. August 1934 zu einer theologischen Disputation in die Immanuel-Gemeinde zu holen – ohne eindeutiges Ergebnis. Danach hat sich Weidemann nie wieder einer derartigen Diskussion gestellt.

Die Reaktion der nationalsozialistischen Obrigkeit auf die Widerborstigkeit der Immanuel-Gemeinde ließ nicht auf sich warten. Friedrich Denkhaus war schon im August 1933 als Bevollmächtigter für Jugendfragen in der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) abgelöst worden. Die Reichspressekammer entzog ihm 1936 die Erlaubnis zur Herausgabe des Gemeindebriefs und der Krieg bot schließlich die Gelegenheit, den unbequemen Pastor an die Front zu schicken.

Dass die Gemeinde ihre Arbeit trotzdem wie gewohnt fortsetzte und fest zusammenhielt ist der Ehefrau des Pastors zu verdanken. Lotte Denkhaus veranstaltete Bibelstunden, holte einen guten Bekannten, den Dichter Rudolf Alexander Schröder, für Predigten auf die Kanzel, schrieb Gedichte und kümmerte sich um die Frauen-, Kinder- und Jugendkreise. Ihr Mann kehrte nach dem Krieg in seine Gemeinde zurück, die Familie verließ Bremen jedoch 1953 und Friedrich Denkhaus arbeitete bis zu seiner Pensionierung in Bonn.

Nach 1945 sollte sich das klare Bekenntnis der Immanuel-Gemeinde zur Barmer Theologischen Erklärung von 1934 als Problem im vielstimmigen Chor der Gemeinden der Bremischen Evangelischen Kirche erweisen: In den sechs Thesen des Dokuments wird der Kirche ein kritisches Wächteramt gegenüber dem Staat zugeschrieben. Jeglicher „Götzendienst“ für etwaige „Führer“, für Rasse, Volk und Vaterland wird abgelehnt.

Als sich am 9. Oktober 1946 die 103 Delegierten aus den Gemeinden der BEK zum ersten Kirchentag nach Krieg und Nationalsozialismus im Festsaal des Neuen Rathauses trafen, kam es zu heftigen Diskussionen um eine solche Bekenntnisgrundlage der BEK. Die Gemeinden St. Stephani, ihre beiden Töchter Immanuel und Wilhadi sowie die Zionsgemeinde beharrten darauf, angesichts der vorangegangenen zwölf Jahre der wieder eingesetzten Verfassung von 1920 ein für alle verbindliches Bekenntnis auf der Grundlage der Barmer Erklärung voranzustellen. Das wurde von der Mehrheit der Delegierten abgelehnt. Man war nicht gewillt, die Drangsalierung durch die Deutschen Christen gegen einen Dogmatismus Barmer Prägung einzutauschen. Es blieb bei der verfassungsgemäßen Glaubens-, Lehr- und Gewissensfreiheit der bremischen Gemeinden. Die Immanuel-Gemeinde schloss sich dafür gemeinsam mit neun anderen Gemeinden zur Abrüstungsinitiative Bremer Kirchengemein­den zusammen, die mit Resolutionen, Demonstrationen und Aufrufen gegen die Aufrüstung in Ost und West kämpft.

Quellen: Axel Stiehler & Oliver Wilking Hrsg. „101 Geschichten aus Immanuel“, 2009; Almuth Meyer-Zollitsch „Nationalsozialismus und evangelische Kirche in Bremen“, Veröffentlichung aus dem Bremer Staatsarchiv, 1985; „850 Jahre St. Stephani-Gemeinde“, steintor: Bremer Verlagsgesellschaft mbH, 1990; Karl Stoevesandt „Bekennende Gemeinden und deutschgläubige Bischofsdiktatur“, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1961; Hans Koschnick: „Aufrecht und bekenntnistreu“, bremer kirchenzeitung vom 30. 8. 1987

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