Lager für italienische Kriegsgefangene in Sebaldsbrück

Baracken 1959/Staatsarchiv Bremen
1. Juni 1943
Vahrer Str. 197, Bremen-Vahr

An der Ecke Vahrer Straße und Ludwig-Roselius-Allee wurde Februar 1941 mit dem Bau eines „Gemeinschaftslager“ für italienische Arbeitskräfte angefangen. Am 25. September 1941 wurde das Lager von der Deutschen Arbeitsfront (DAF) übernommen. Auf Grund eines Abkommens zwischen den Achsenmächten Italien und Deutschland konnten italienische Zivilarbeiter nach Deutschland kommen, um hier befristet für 6 Monate arbeiten. Sie wurden beim Bau von Bunkern für die Zivilbevölkerung gebraucht. Sie erhielten Lohn und unterlagen der Sozialversicherungspflicht. Im Lager waren wohl ca. 800 Männer untergebracht. Das Lager war weder umzäunt noch bewacht. Im Gemeinschaftslager waren ab Januar 1942 neben den italienischen Zivilarbeitern zeitweise auch ausländische Zwangsarbeiter*innen, die bei Borgward eingesetzt waren, untergebracht, darunter auch Ostarbeiterinnen (Ukrainerinnen).

Als den alliierten Truppen die Invasion von Süd-Italien gelang, wurde dessen Staats- und Parteichef Mussolini inhaftiert. Der ehem. Marschall Pietro Badoglio übernahm die Regierungsgeschäfte und kündigte den Achsenbund mit Hitler auf. Am 8. Oktober 1943 erklärte er Deutschland sogar den Krieg. Daraufhin wurden in Nord-Italien sowie in anderen besetzten Gebieten, wie beispielsweise Griechenland, die Soldaten des bisherigen Verbündeten von der deutschen Wehrmacht inhaftiert. Sie wurden nach Deutschland gebracht, um hier Zwangsarbeit zu leisten. Letzteres übrigens ein Verstoß gegen die Genfer Konvention.

In Bremen wurden die italienischen Kriegsgefangenen ab November 1943  als Militärinternierte in unterschiedlichen Lagern untergebracht. Hier bot sich insbesondere das Lager an der Vahrer Straße an, weil hier noch kaum Zivilarbeiter vorhanden waren. Bereits in Juni 1943 war das Hochbauamt damit beauftragt worden, Vorbereitungen für die Herrichtung (Umwandlung) des Gemeinschaftslagers in ein Kriegsgefangenenlager zu treffen. Das Kriegsgefangenenlager sollte von der Wehrmacht überwacht werden. Hierbei handelte es sich um die Landesschützenkompagnie 679.

Die italienischen Kriegsgefangenen wurden zum Bau- und Arbeitsbataillon 196 zusammengefasst. Dieses wurde unter der Regie des Senators für Bauwesen ebenfalls zum Bau von Bunkern eingesetzt. Ebenso wurden diese Arbeitskräfte auch bei privaten Baufirmen für die Beseitigung von Bombenschäden, u.a. der Wiederherstellung der Kanalisation, verwendet.
Im November 1943 wurde die Belegschaft des Lagers mit 800 Personen angegeben. Im Mai 1944 rückte das Bau- und Arbeitsbataillon vom Lager Vahrer Straße ab. Die 4. Kompanie des Bataillons (ca. 200 Kriegsgefangene) wurde nach Bremen-Blumenthal (Haus Blomendal) verlegt. Aus dem Kriegsgefangenenlager wurde jetzt wieder ein DAF-Gemeinschaftslager, in dem u.a. die Familien von kollaborierenden ukrainischen Wachmannschaften untergebracht waren.

Bereits im Dezember 1940 forderte der Hitler Stellvertreter Martin Borrmann schriftlich von den Gemeinden im Reich die Errichtung von Bordellen für die fremdvölkischen Arbeitskräfte. Hiermit sollte der „rassengesetzwidrige Geschlechtskontakt“ mit deutschen Frauen unterbunden werden. Auf Grund dieses Erlasses wurde direkt neben dem Gemeinschaftslager an der Vahrer Straße Juli 1943 ein Bordell für Fremdarbeiter eingerichtet. Prostituierte aus Polen und Frankreich wurden hier, wahrscheinlich gezwungener Maßen, beschäftigt.

Nach der Befreiung Nazi-Deutschlands wurden in den verlassenen Lagerbaracken ausgebombte Bremer Familien und Flüchtlinge aus Ost-Europa untergebracht. Ende der fünfziger Jahren lebten immerhin noch etwa 750 Flüchtlinge im Lager. Die letzten Baracken wurden im Jahr 1967 abgerissen. Jetzt steht auf dem Gelände des ehem. Kriegsgefangenenlagers ein großer Supermarkt.

Quellen: Der Text geht zurück auf Recherchen der Geschichtswerkstatt Sebaldsbrück. Dank an Reiner Meissner!

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Diese Seite wurde zuletzt am 30. Oktober 2020 geändert

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