Auf Spurensuche in Gröpelingen

10 Haltepunkte

Der „rote“ Westen – das Leben dort war geprägt von Werftarbeit und lebendigem Treiben im damaligen Arbeitermilieu, hier finden sich heute noch viele Orte des Widerstands und der Verfolgung.

A. Bunkerbemalung Grasberger Straße/Pastorenweg

Am Bunker an der Ecke Grasbergerstraße/Pastorenweg befindet sich seit September 1978 ein großes Wandbild mit vielen Hinweisen auf die Geschichte des Stadtteils Gröpelingen. Es wurde gemeinsam mit Studierenden der Hochschule für Kunst vom Bremer Professor Jürgen Waller angefertigt und auf Initiative der Geschichtswerkstatt Gröpelingen 2009 vom Künstler selbst restaurierter.

Auf dem Bild wird u.a. verwiesen auf die Bremer Räterepublik, die Ende des Ersten Weltkrieges ausgerufen und blutig von der Division Gerstenberg und dem Freicorps Caspari niedergeschlagen wurde. Mehrere Mitglieder des Betriebsrates der AG Weser, der auf dem Wandbild dargestellt wird, beteiligten sich aktiv an der Gründung der Bremer Räterepublik am 10. Januar 1919. Nach der Zerschlagung wurde 1922 auf dem Waller Friedhof ein von Bernhard Hoetger geschaffenes Pieta-Denkmal zur Ehrung der gefallenen Kämpfer auf Seite der Räterepublik aufgestellt. Das Denkmal, das 1933 von den Nazis zerstört wurde, ist ebenfalls auf dem Bunker wieder zu finden.

Rechts unterhalb der Pieta stehen drei Personen, von dem einer Häftlingskleidung trägt. Hierbei handelt es sich um den Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky, der von den Nazis ermordet wurde. Mit der Darstellung seiner Person wird auf die Moorlager verwiesen, in denen die Nazis neben Ossietzky auch viele bremischen Widerstandskämpfer inhaftierten. Neben Ossietzky stehen Maria Krüger, langjährige KPD-Abgeordnete in der Bremischen Bürgerschaft, sowie Hermann Prüser, dem es als KPD-Abgeordnete gelang in der Bürgerschaft noch nach der Machtergreifung der Nazis eine Rede zu halten.

B. Willy Hundertmark, ein Leben für den Antifaschismus

Willy Hundertmark* (1907–2002) ist über Generationen vielen Bremer Jugendlichen bekannt gewesen, weil er mit Schulklassen, Jugendverbänden oder Jugendzentren antifaschistische Stadtrundgänge durchgeführt hat. 1986 legte er als Sekretär der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) gemeinsam mit dem Landesjugendring Bremen eine schriftliche Ausarbeitung dieser Stadtführungen vor, die die Grundlage für das Projekt „Spurensuche Bremen“ bildet.

Willy, der 1933 von den Nazis kurze Zeit im KZ eingesperrt wurde, war es ein großes Bedürfnis, insbesondere Jugendliche über die Zeit des Faschismus, über politische und rassistisch motivierte Verfolgung, aber auch über den Widerstand gegen dieses Unrecht, aufzuklären.

Geboren wird Willy Hundertmark am 16. April 1907 im thüringischen Apolda, wächst jedoch im Ruhrgebiet in Essen auf. Als Zwölfjähriger schloss er sich dort dem Kommunistischen Jugendverband und einige Jahre später als Schlosserlehrling bei den Krupp Stahlwerken auch der Gewerkschaft an. Jahrzehnte war er engagiertes Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD, später DKP).

Am 3. März 1933 wurde er verhaftet und im KZ Sonnenberg, später noch mal im Lager Brauweiler inhaftiert. 1939 kam Hundertmark nach Bremen, wo er sich weiterhin illegal politisch betätigte. 1947 gehörte er zu den Mitbegründern der VVN, später VVN-BdA. Im Bremer Landesverband war er als Sekretär, Vorsitzender und zuletzt als Ehrenvorsitzender aktiv.

Als überzeugter Kommunist arbeitete Willy Hundertmark in vielen Bündnissen mit Sozialdemokraten, Christen und anderen politischen Kräften zusammen, um antifaschistische und demokratische Bewegungen zu stärken. Mit dem evangelischen Pastor Ernst Uhl und anderen gründete er 1979 in Bremen die Lidice Initiative. Willy Hundertmark lebte bis zu seinem Tod am 15. Dezember 2002 mit seiner Frau Tilla im gemeinsamen Haus in der Jadestraße 20 in Gröpelingen.

Am 24. Mai 2019 wurde in Gröpelingen der Willy Hundertmark Platz eingeweiht. Im Namen aller Angehörigen bedankt sich Bremens ehem. Bürgermeister Jens Böhrnsen für die Ehre, den Platz nach Willy zu benennen.

Weitere Hinweise findet man im „Bremer Antifaschist“, Vereinsblatt der VVN/BdA in Bremen, in dem Willy Hundertmarks 85. Geburtstag

gewürdigt wird.

*mit freundlicher Genehmigung des Weser Kuriers sowie Petra Spangenberg (Text) und R. Rospek (Foto)

C. Außenkommando „Schützenhof“

Ursprünglich war der „Schützenhof“ ein Ausflugs- und Vergnügungsort vor den Toren der Stadt. 1907 errichtete die Bremer Schützengilde von 1904 e.V. dort  eine Schießanlage und eine Gaststätte. Nach einer zwangsverfügten Übereignung des Geländes der Bremer Schützengilde wurden dort mit Kriegsbeginn am 1. September 1939 über 250 indische Seeleute der Deutschen Dampfschifffahrtsgesellschaft Hansa interniert. Als Commonwealth-Angehörigen galten sie als Britten. Sie waren im Frühsommer 1939 in Kalkutta und Bombay angeworben wurden und auf deutschen Schiffen eingesetzt. Am 14. Februar 1940 wurden sie in die Niederlande abgeschoben.

Im Mai 1940 wurden im Sammellager „Schützenhof“ Sinti und Roma aus dem gesamten Weser-Ems-Gebiet der Kripoleitstelle Bremen interniert, bevor sie über Hamburg zum späteren Vernichtungslager Belzec in Polen deportiert wurden. Während mindestens 89 Sinti und Roma von Bremerhaven aus direkt nach Hamburg deportiert wurden, sind namentlich 42 Opfer bekannt, die über den Schützenhof nach Hamburg und dann nach Polen deportiert wurden.

Anschließend diente das Gebäude als Unterbringungsort für polnische zivile Zwangsarbeiter der Bremer Stadtwerke. Die polnischen Zwangsarbeiter waren gezwungen ein Kennzeichen mit der Buchstabe „P“ auf der rechten Brust zu tragen. Das Lager diente außerdem der Unterbringung der II. SS-Baubrigade, bestehend aus 250 KZ Häftlingen.
Oktober 1943 wurde der Schützenhof bei einem Bombenangriff zerstört. Auf den Resten wurden neue Baracken aufgebaut. Bereits in Januar 1944 wurden in den neuen Baracken Häftlinge, die direkt aus dem KZ Neuengamme bei Hamburg kamen, untergebracht. Ab Weihnachten 1944 wurden zusätzlich etwa 600-700 KZ-Häftlinge aus dem Außenlager Bahrs Plate (Blumenthal), die bis dahin täglich mit dem Schiff zu ihrer Arbeit auf der DESCHIMAG (A.G. Weser) befördert wurden, in den Schützenhof untergebracht, 30 Männer auf 5 mal 5 Metern. Auf der AG Weser mussten sie Bleche stanzen, Teile für Schiffsmotoren fertigen oder Granatenrohlinge drehen. Das von der DESCHIMAG eingerichtete Lager, das nunmehr ein Außenlager des KZ Neuengamme war, wurde überwacht von der SS.

1.054 Neuengamme-Häftlinge aus 17 Nationen durchliefen dieses Außenlager in Gröpelingen, darunter 464 Juden aus Ungarn, Polen oder Staatenlose, 265 Sowjetbürger, 144 Belgier, 55 Franzosen. 257 von ihnen starben laut Totenbuch von Neuengamme in etwas mehr als drei Monaten am Mangelernährung, Entkräftung oder Misshandlungen bei einem zehnstündigen Arbeitstag. Der Schützenhof hatte die höchste Tötungsrate sämtlicher über 400 Lager in Bremen.

Am 7. und 8. April 1945 begann für die 582 verbliebenen KZ-Häftlinge der zehntägige Todesmarsch über Farge-Rekum nach Neuengamme, bzw. mit einem Zug nach Bergen-Belsen (letzteres betraf die jüdischen Häftlinge, sowie kranke Häftlinge). Dieser Zug erreichte sein Ziel jedoch nicht, sondern landete schließlich in Sandbostel, wo die Überlebenden am 29. April 1945 von britischen Truppen befreit wurden. Viele der restlichen Häftlinge, die sich auf dem Todesmarsch befanden, fanden bei der Bombardierung der KZ-Schiffe Kap Arcona oder Thielbeck in der Nacht vom 3. zum 4. Mai in der Ostsee den Tod, auf die sie mit tausenden weiterer Neuengamme-Häftlinge getrieben worden waren.
Bei der Einnahme Bremens durch die britischen Truppen am 26./27. April 1945 fanden sie einen leeren Schützenhof vor. Später wurden in den Gebäuden Arbeiter der AG Weser mit ihren Familien untergebracht. Auch der Schützengilde nahm ihre Vereinsarbeit auf dem Gelände wieder auf. Mittlerweile sind auf dem Gelände sowohl der Schützengilde wie Handwerkbetriebe angesiedelt.

Eine erste Gedenktafel für die Opfer wurde am 29. April 2002 an der Mauer neben dem heutigen Schützenhof eingeweiht (siehe Bild). Eine zweite folgte am 29. August 2004. In drei Sprachen erinnert sie an die Toten aus dem belgischen 900 Seelen-Dorf Meensel-Kiezegem, 40 km von Brüssel. Bei zwei Razzien flämischer SS unter deutschem Kommando wurden 98 Bewohner listenmäßig selektiert und zu Verhören durch den Sicherheitsdienst nach Löwen und Brüssel gebracht. 68 von ihnen wurden Ende August 1944 ins KZ Neuengamme deportiert, zweiundzwanzig Dorfbewohner kamen in die Außenkommandos Blumenthal und Schützenhof, nur fünf überlebten.

Mehr über die KZ-Häftlinge auf der Werft findet man in einem Originaldokument der Geschichtswerkstatt Gröpelingen. Außerdem eine undatierte Rede von René Thirion (siehe Bild), ehem. belgischer Häftling des Lagers „Schützenhof“.

Quelle: u.a. Hans Hesse und Jens Schreiber „Vom Schlachthof nach Auschwitz“, Tectum Verlag Marburg 1999 S. 90/92, sowie die ausführliche Dokumentation von Uta Halle und Ulrike Huhn „Bremen-Gröpelingen, Bromberger Straße 117: Schützenhof – Internierungslager – Polenlager – KZ-Außenlager – Wohn und Arbeitsort“ aus dem Jahr 2019.

Bild: Aktuelles Bild des Schützenhofes aus 2015, freundlicherweise von Claudia Bade zur Verfügung gestellt.

D. Die Marschroute der Zwangsarbeiter zur AG-Weser

Die Häftlinge des Gröpelinger KZ-Außenlagers „Schützenhof“[fn]Bilder und Texte nach einem Plakat der Geschichtswerkstatt Gröpelingen e.V. zur Rathausausstellung „Ein KZ wird geräumt“ im Jahr 2003[/fn] mussten täglich den Weg zu ihren Zwangsarbeitsstellen auf der Deschimag-Werft (AG-Weser) zu Fuß zurücklegen. Unter Bewachung von Marinesoldaten in spezieller grüner Uniform und eines SS-Offiziers schleppten sie sich morgens vom Schützenhof an der Bromberger Straße durch die Thorner Straße bis zur Seewenjestraße. Von dort ging es entlang der Morgenlandstraße bis zum Pastorenweg und über die Lindenhofstraße und die Liegnitzstraße zum Werfteingangstor. (Siehe grün eingezeichnete Strecke im Stadtplan.) Auf dem Werftgelände mussten sie bis zum hinteren Ende der Werft zu ihren Arbeitsplätzen in der Maschinenfabrik II und beim U-Boot-Bunker Hornisse weitermarschieren.

Der Zeitzeuge Heinz Rolappe hatte 1944 als Halbwüchsiger den Leidensweg der Zwangsabeiter beobachtet: „… die waren vor Hunger so entkräftet, dass sie sich gegenseitig stützen mussten. Das funktionierte so, indem sie untergehakt in Fünferreihen auf der Fahrbahn liefen.“

Auch andere Gröpelinger hatten den Gefangenenzug gesehen. Der Gemüsehändler Heitmann berichtet: „Wenn die Sträflinge an unserem Geschäft Ecke Pastorenweg / Lindenhofstraße vorbeikamen, schnappte sich der eine oder andere von ihnen ein paar Gemüsereste, die mein Vater als Abfall in Kisten an die Straße gestellt hatte. Eines Tages hatte er soviel Mitleid mit den Gefangenen, dass er bewusst besser erhaltenes Gemüse an die Straße stellte. Das blieb nicht ohne Folgen. Noch am selben Tag erschien ein SS-Offizier in unserem Laden und drohte meinem Vater: „Wenn Sie das noch einmal machen, dann marschieren Sie morgen mit!“

Der Belgier René Thirion war aus Anlass der Errichtung einer Mahntafel beim Schützenhof im Frühjahr 2002 mit anderen Leidensgefährten nach Gröpelingen eingeladen worden. Er erinnert sich an den täglichen Marsch durch Gröpelingen und an die Bewacher: „Auf dem Weg zur Zwangsarbeit wurden wir von bewaffneten Marinesoldaten in spezieller grüner Uniform und einem SS-Offizier begleitet. An Kontakte zur Gröpelinger Bevölkerung kann ich mich nicht erinnern. Das war verboten, außerdem waren wir viel zu entkräftet, um unsere Umwelt richtig wahrzunehmen.“

Abends, wenn die anderen Werftarbeiter schon Feierabend hatten, ging es entlang der Kirchenallee, der Ort- und Lindenhofstraße wieder zurück. Kameraden, die vor Entkräftung auf der Werft gestorben waren, mussten in einem Karren mitgeschleppt werden. Diesmal wurde die Gröpelinger Heerstraße in Richtung Ritterhuder Straße überquert. Über Morgenlandstraße, Seewenjestraße und Hohensalzastraße wurde dann der Schützenhof wieder erreicht. (Siehe lila eingezeichnete Strecke im Stadtplan.) Auf dem Schützenplatzgelände angekommen, mussten die Leichen im Waschraum abgelegt werden.

Der Zeitzeuge Detlef Dahlke kann sich genau an den Rücktransport erinnern: „Ich war im Spätsommer 1944 als junger Soldat auf Heimaturlaub und wollte bei Foto Winkler ein paar Bilder von mir für meine Eltern anfertigen lassen. Als ich gerade vom Fotografen zurückkam, wurde ich an der Kreuzung Gröpelinger Heerstraße / Lindenhofstraße aufgehalten. Die Straße war voll von Schaulustigen. Niemand durfte die Fahrbahn betreten, weil gerade der Gefangenenzug die Kreuzung querte und in die Ritterhuder Straße einbog.“

Mehr zum Thema Zwangsarbeit auf der Werft und KZ-Häftlinge auf der AG-Weser in Originaldokumenten der Geschichtswerkstatt Gröpelingen und über Louise Nordholdt

E. Das Jüdische Altersheim in Gröpelingen

Am 5. Juli 1925 wur­de von der Is­rae­li­ti­schen Ge­mein­de Bremen in ei­ner Vil­la in Grö­pe­lin­gen ein ei­ge­nes Al­ters­heim ein­ge­rich­tet. Initiatoren waren Dr. Leo­pold Ro­senak, der ers­te Rab­bi­ner der Ge­mein­de, der Bremer Kaufmann Ja­cob Mey­er sowie die Geschäftsinhaberin Au­gus­te Mi­chel. Letz­te­re wurde nach kurzer Zeit Vor­sit­zen­de der Ad­mi­nis­tra­ti­on und übte die­se Funk­ti­on bis zu ih­rer Flucht im Sep­tem­ber 1941 aus. Danach über­nahm Carl Katz, als Lei­ter der „Reichsvereinigung der Juden“ in Bre­men, die Lei­tung des Hau­ses.

Im Heim wa­ren bis 1935 durch­schnitt­lich 18-20 Per­so­nen un­ter­ge­bracht. Noch 1935 wurde das benachbarte Grund­stü­ck Bux­te­hu­der Straße 9 mit einer Stadtvilla hinzu erworben. Damit standen dem Altersheim 36 Zimmer zur Verfügung. Die Belegungszahlen stiegen ab 1938 kontinuierlich. Gründe waren die zunehmende Auswanderung, die Verschärfung der Mietgesetzgebung für jüdische Mieter und die „Arisierung“ jüdischen Hauseigentums. Von 1933 bis 1942 haben über 100 Heim­be­woh­ner*innen das Altersheim durchlaufen. 1941 lebten hier bereits 60 alte Menschen und acht mit im Haus wohnende Angestellte in drangvoller Enge. Im ersten Halbjahr 1942 stieg die Zahl auf über 75 Personen.

Die erste Deportation aus dem Altersheim erfolgte im Oktober 1938: die Sekretärin und stellvertretende Wirtschaftsleiterin Grete Rosenthal, die polnische Staatsbürgerin war, wurde im Rahmen der sog. Polenaktion nach Polen abgeschoben und vermutlich später im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ermordet.

In der Reichspogromnacht vom 9. zum 10. No­vem­ber 1938 wü­te­ten Bre­mer SA-Leu­te im Jü­di­schen Al­ters­heim: In­ven­tar wur­de zer­schla­gen, alte Men­schen wur­den miss­han­delt, be­raubt und von SA-Leu­ten aus dem Haus ge­trie­ben. Die Heim­be­woh­ner wur­den von der SA auf Last­wa­gen in die Miß­ler-Hallen in Fin­dorff ge­bracht und dort vorübergehend in­ter­niert. Der SA-Scharführer Emil Steenhusen wurde dafür nach dem Kriege zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt.

Wäh­rend die Altersheimbewohner*in­nen am 18. No­vem­ber 1941 von der De­por­ta­ti­on ins Ghet­to Minsk aufgrund ihres Alters ver­schont blie­ben, traf dies nicht für vier jün­ge­re jü­di­sche Hausangestellte zu. Von ihnen überlebte keine die Deportation. Am 23. Juli 1942 wur­de das Al­ters­heim auf­ge­löst und die 66 ver­blie­be­nen Be­woh­ner*in­nen mit vier Mitarbeiterinnen in das Ghetto The­re­si­en­stadt de­por­tiert. Von ihnen sind 44 im Ghetto umgekommen und 25 weitere in andere Lager verschleppt worden. Anfang 1945 war von allen ehemaligen Bewohner*innen des Altersheimes nur noch die Leiterin Else Toeplitz am Leben. Sie konnte mit einem Transport des Internationalen Roten Kreuzes im Februar 1945 in die Schweiz ausreisen.

Nach der Auflösung des Jüdischen Altersheimes wur­de in dem Haus das 18. Po­li­zei­re­vier ein­ge­rich­tet, wäh­rend die De­schi­mag (Deutsche Schiffs-und Maschinenbaugesellschaft) das Haus in der Bux­te­hu­der Stra­ße an­mie­te­te. 1943 wurden beide Grundstücke endgültig  beschlagnahmt und durch die Oberfinanzdirektion Weser-Ems verwaltet.

1946 er­hielt die Is­rae­li­ti­sche Ge­mein­de auf Anweisung der amerikanischen Militärregierung bei­de Grund­stü­cke mit den Häu­sern zu­rück. Nach der notdürftigen Instandsetzung zogen im De­zem­ber 1946 ers­te Über­le­ben­de aus The­re­si­en­stadt, so­wie ver­trie­be­ne ost­eu­ro­päi­sche Ju­den ein. 1964 erwarb die Stadt­ge­mein­de das Are­al und rich­te­te im Ge­bäu­de an der Grö­pe­lin­ger Heerstra­ße aber­mals ein Po­li­zei­re­vier ein.

Seit 1974 erinnerte eine Gedenktafel am Gebäude des ehemaligen Jüdischen Altersheims an das Schicksal seiner Bewohner und die Ereignisse in der Pogromnacht. 2015 wurde vor dem Gebäude eine Stele mit den Namen der deportierten Bewohner*innen errichtet.

Quelle: Christine Nitsche-Gleim, Das Jüdische Altersheim in Gröpelingen, in: Christof­fer­sen, Pe­ter/​Johr, Bar­ba­ra (Hrsg.): Stol­per­stei­ne in Bre­men, Fin­dorff/​Wal­le/​Grö­pe­lin­gen, Bre­men 2019

 

F. Robert Stamm-Haus

Robert Stamm wurde am 16.07.1900 als Sohn sozialdemokratischer Eltern in Remscheid geboren. Schon mit 14 Jahren beteiligte er sich an der antimilitaristischen Arbeit im Bergischen Land und in Wuppertal. Als Werkzeugschlosser engagierte er sich in der Spartakus-Gruppe. Nachdem er als Betriebsrat auf die schwarze Liste des Unternehmens geraten war, wurde er Redakteur und von 1931 – April 1933 politischer Leiter des Bezirks Nord-West der KPD, zu dem auch Bremen gehörte .  Im Juli 1932 wurde Stamm im Wahlkreis Weser-Ems in den Reichstag gewählt, ohne allerdings nach der letzten „freien“ Reichstagswahl das Mandat noch ausüben zu können.

Am 27.03.1935 wurde er zusammen mit Adolf Rembte und Max Maddalena von der Gestapo verhaftet, einer qualvollen Haft unterworfen, zum Tode verurteilt und am 04. 11.1937 zusammen mit Adolf Rembte im Zuchthaus Plötzensee geköpft. Der Blutrichter fragte Stamm in einem Zwischenruf, wie denn die Kommunisten zur nationalen Frage ständen. Stamm antwortete:

„Wir Arbeiter sind die besten Nationalisten, wir kämpfen gegen Hitler, weil wir unser Vaterland lieben. Wir wollen unser Vaterland vor der Katastrophe retten, in die es Hitler führen wird.“

Die Bremer KPD nannte ihr Parteihaus in der Lindenhoffstraße in Gröpelingen, das von den Nazis enteignet und nach dem Zusammenbruch des Hitler-Reichs im Wege der Wiedergutmachung faschistischen Unrechts zurückerstattet worden war, nach dem  ermordeten Widerstandskämpfer Robert Stamm-Haus. Am 17. August 1956 wurde das Robert Stamm-Haus durch das auf Antrag der Regierung Adenauer ergangene KPD-Verbotsurteil des Bundesverfassungsgerichts zum zweiten Mal enteignet.

G. Hitler besucht die Werft AG Weser

Am 14. Dezember 1934 wohnt Hitler auf der Werft AG-Weser dem Stapellauf des Frachters „Scharnhorst“ bei, ohne sich selbst an die Anwesenden zu wenden. Die Ansprache hält der Reichsverkehrs- und Postminister Freiherr von Eltz-Rübenach. Als das „Horst Wessel Lied“ intoniert wird, verweigert sich der übergroße Teil der Belegschaft, mitzusingen. Hitler fährt anschließend weiter nach Bremerhaven zum Columbusbahnhof und besichtigt dort das Passagierschiff Europa.

Die AG Weser gehört während der Nazi Zeit zur wichtigsten Kriegsindustrie in Bremen. Hier werden nicht nur Kriegsschiffe und U-Boote produziert, sondern auch Flugzeuge. Das Traditionsbetrieb hat eine eher linksgerichtete Belegschaft, die in klarer Opposition zu den Nazis stand. Sogar der langjährige Generaldirektor und spätere Wehrwirtschaftsführer Franz Stapelfeld, der sicherlich die Rüstungsaufträge aus den Reichsministerien gerne entgegennahm um den Betrieb weiterzuführen, stellte bewusst antifaschistische Arbeiter, wie Emil Theil, Oskar Drees (beide SPD) oder Georg Gumpert (KPD) ein. Diese entkamen damit eine Inhaftierung in KZ’s. Stapelfeld wurde am 3. Oktober 1944 von der Gestapo verhaftet und wurde noch vor Kriegsende entlassen. Eine Beteiligung am Widerstand konnte ihm jedoch nicht nachgewiesen werden.
Zur Belegschaft, die 1944 auf ca. 20.000 Beschäftigten herangewachsen war, gehörten auch viele Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen aus den von den Deutschen besetzten Gebieten. Zur Produktionspalette der AG Weser gehörten nicht nur Schiffe, sondern auch U-Boote und Flugzeuge. Letztere wurden im Tochterunternehmen Weserflugzeugbau GmbH (kurz Weserflug genannt) produziert.  Vom Sturzkampflugzeug JU87 wurden beispielsweise 5.700 gebaut. Zum Ende des Krieges wurde die Produktion und somit auch die Zwangsarbeiter von Weserflug ins KZ Kamenice (damals Böhmen/Tschechien) deportiert, ein Außenlager des KZ Flossenburg. Heute erinnert nur noch wenig an diesem Ort.

H. MS „Bremen“ durch Brand zerstört

Der auf der AG-Weser gebaute Luxusdampfer „Bremen“, Gewinner des Blauen Bandes, schnellstes Passgierschiff der Welt und Atlantikfähre, wäre bereits fast nach ihrer letzten Fahrt  Opfer der Flammen geworden, denn der Kapitän hätte sie lieber selbst angezündet, als das Schiff den Engländern in die Hände fallen zu lassen.

Es wurde dann zum Wohnschiff für Marinesoldaten und Truppentransporter in einer Bremerhavener Werft umgebaut. Dort entdeckte ein Offizier bei einem Rundgang den Brand. Ein Schiffsjunge, der sich wegen einer Ohrfeige eines Offiziers rächen wollte, war der Brandstifter – er wurde zum Tode verurteilt.

Das Schiff mußte abgewrackt werden, der Doppelboden des Schiffes wurde in der Weser versenkt.

I. Bunker „Hornisse“

Der U-Boot-Bunker Hornisse ist ein ehemaliges Baudock für die frühere Schiffswerft AG Weser. Er befindet sich im Industriehafen an der Schleuse. Zum Bau wurden Fremdarbeiter, KZ-Häftlinge und Kriegsgefangene eingesetzt. Nicht weit entfernt befand sich auf dem Gelände der Norddeutschen Hütte (jetzt MittalAccelor) seit 1933 das „Lager Riespott“, in dem die Fremdarbeiter und Kriegsgefangene untergebracht waren. 1944 wurde es zum Außenkommando des KZ Neuengamme.

1943 wurde ein neues Verfahren zum Bau von U-Booten in verbunkerten Werften beschlossen. Auf verschiedenen Werften in Bremen, Bremerhaven, Wilhelmshaven, Hamburg und Danzig wurden die 8 Sektionen für den U-Boot-Typ XXI hergestellt. Die Endmontage sollte in der U-Boot-Bunkerwerft „Valentin“ in Bremen-Farge stattfinden.

Für die A.G. „Weser“ sollte eine verbunkerte Werft auf dem Gelände „Kap Horn“ entstehen. Im Jahre 1943 ließ die Kriegsmarine die Planungen für „Weser I“ zu Gunsten von „Hornisse“ fallen. Im Frühjahr 1944 folgte der Bauauftrag mit dem Tarnnamen „Hornisse“.

Mehr zu diesem Thema im Dokument Arbeiter Hornisse der Geschichtswerkstatt Gröpelingen

J. Heinz Kundel

Heinz Kundel wurde 1914 in Bremen-Gröpelingen geboren. Nach seiner Ausbildung als Elektriker ging Kundel 1933 „auf die Walz“, d.h. er zog gemeinsam mit einem Freund durch Deutschland und lebte von dem Geld, das er sich als Elektriker überall verdienen konnte.

In den 30-Jahren war Kundel Mitglied in der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), die 1931 als Linksabspaltung von der SPD gegründet wurde. Im Auftrag der SAP organisierte er illegale Verbindungen zu Gesinnungsgenossen in Frankreich und Schweden.

Trotzdem wurde er eingezogen, jedoch als Soldat in Urlaub bei der AEG Schiffsbau beschäftigt. Dort gerät er September 1944 in britische Gefangenschaft und kam ins Antifa-Lager Ascot/7 und dem Reeducation Centre Wilton Park.

Durch seine parteiübergreifenden Verbindungen zu verschiedenen illegalen Gruppen, beteiligte er sich maßgeblich an der Gründung der „Kampfgemeinschaft gegen Faschismus“.

Später trat Heinz Kundel der KPD bei, in der er jedoch nicht lange blieb. Anschließend gründete er in Bremen die „Gruppe Arbeiterpolitik“.

Videointerview mit Thesese de Vries (Zeitzeugin) wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Landesfilmarchiv, Bremen.