Von Findorff bis zum Bahnhof

9 Haltepunkte

»Von Findorff durch den Bürgerpark zum Bahnhof«

Dieser Weg ist gut zufuß durchführbar und dauert ungefähr 3 Stunden.

A. KZ Mißler: Mitte im Wohngebiet eingerichtet

Nach dem Reichtagsbrand vom 27./28. Februar 1933 und den Reichstagswahlen vom 05. März 1933 erfolgten auch in Bremen Massenverhaftungen von Kommunisten und Sozialdemokraten. Nur ein Jahr später berichtet der Bremer Bürgermeister Dr. Richard Markert März 1934 nach Berlin, dass in Bremen insgesamt 1.305 Personen in „Schutzhaft“ genommen worden sind.
Das Polizeigefängnis am Ostertor und die SA-Verhörstätten, wie das so genannte Gosselhaus im Buntentor, waren bald überfüllt. Aus dem Grund wurde bereits am 29. März 1933 von der Polizeidirektion in den sog. Mißler-Hallen, die ehemalige Unterkunft für Auswander*innen, an der Walsroder Straße in Findorff, ein Konzentrationslager errichtet. Es war das erste, zuerst noch provisorische,  Konzentrationslager innerhalb Bremens.

Die ersten, etwa 159, Häftlinge, die hier in „Schutzhaft“ genommen wurden, waren vorwiegend Sozialdemokraten und Kommunisten. Auf dem Bild sieht man die Häftlinge auf dem Appellplatz im Lager. Das Bild wurde aus einer Dachluke eines benachbarten Hauses, angeblich von der Ehefrau des Häftlings Buckendahl, fotografiert. Die Insassen, darunter z. B. Alfred Faust, Hermann Böse, Richard Heller oder Heinrich Buchholz wurden durch die Lageraufsicht, eine hauptsächlich von der SS gestellte Hilfspolizei unter der Leitung von SS-Sturmbannführer Otto Löblich, der Mörder von Johann Lücke, schwer misshandelt. Die verhafteten Arbeiterfunktionäre sollten im Lager mit sadistischen Folterungen im nationalsozialistischen Sinne „umerzogen“ werden. Sie erhielten Prügeln mit Gummiknüppeln und Schlägen mit Karabinerkolben. 60-jährige Männer mussten nachts in Hemd und Hose Freiübungen auf dem Appelplatz machen, mit Bürgersteigplatten in den Händen. Dabei mussten sie robben und die tierischen Laute der Stadtmusikanten nachahmen. Dutzende Male wurden Gefangene nachts von ihren Pritschen hochgerissen, blutig geschlagen und vernommen. Sie wurden auf Schemel gestellt und mussten singen. Wurden sie bewusstlos, wurden sie mit Wasser übergossen und erneut verhört. Der ehem. Häftling Johann Onasch erzählte später vor Gericht, am 20. April 1933 seien die Gefangenen durch eine Prügelgasse betrunkener SS-Männer gejagt worden.
Selbst dem bremischen Polizeisenator Laue war diese Art von „Umerziehung“ zu heftig, waren die Inhaftierten doch schon bei ihrer Verhaftung auf die gleiche Weise „verhört“ worden. Nach einem Hungerstreik der Häftlinge, aber auch nach Protesten innerhalb der Polizei und des Senats, übernahmen ab 9. Mai 1933 statt der SS nunmehr SA-Mitglieder die Bewachung. An die schlimmen Zustände änderte sich jedoch dadurch nicht viel.

Über eine Form von Widerstand, der noch im KZ Mißler stattfand, berichtet ein Jubiläumsheft des „Arbeitergesangsverein Bremen“ aus 1964: „Selbst im KZ-Lager Mißler wurde der Mut der  Sänger nicht gebrochen. „Lasst uns wie Brüder treu zusammenstehn“, eines unserer schönsten Lieder, erklang auf dem Lagerhof, gesungen von neuen aktiven Sängern des A.G.V., bis wütende SA das Singen verbot. Mehrere Sangesfreunde wurden damals schwer mißhandelt.“

Am 18.8.1933 besichtigte der NSDAP-Reichstatthalter Bremen/Oldenburg Carl Röver das KZ Missler in Findorff. Am 11. September 1933 löste die NS-Führung das Lager auf, weil es Mitte im Wohngebiet nicht mehr haltbar erschien. Den Anwohnern blieben die Misshandlungen der Inhaftierten nicht verborgen. Es kursierten sogar Bilder von den Inhaftierten in der Öffentlichkeit. Die Häftlinge wurden deshalb in die Laderäume eines Schleppkahns der Norddeutschen Lloyd (Lloyd-Kahn 86, KZ-Lager Ochtumsand, siehe Bild) verlegt, später nach Langlütjen II, einem alten Fort in der Wesermündung. In Alltagskleidung mussten sie sechs Meter unter dem Meeresspiegel schwere Sand- und Baggerarbeiten ausführen. Beide Lager existierten noch bis Sommer 1934, dann wurden die Häftlinge in andere Lager im Reichsgebiet überführt.

Nach der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurden die Mißler-Hallen in Findorff von der SA noch mal genutzt um die inhaftierten jüdischen Männer und Frauen kurz dort unterzubringen. Am 11. November wurden die Männer zum Gefängnis in Oslebshausen überführt, während die Frauen frei gelassen wurden.

Nach dem Ende des Krieges und damit auch der Nazi-Diktatur wurden Angehörige der Wachmannschaften vor Gericht gestellt. 15 von ihnen wurden wegen Körperverletzung im Amt zu Strafen zwischen sechs Monaten und zweieinhalb Jahren verurteilt. Justiz- und Polizeisenator Laue, der letztendlich für das Lager verantwortlich war, bekam drei Jahre und vier Monaten Haft erteilt. Seine Internierungshaft wurde auf diese Strafe angerechnet und somit kam er schon bald wieder auf freien Fuß.

In der Walsroderstraße erinnert eine große Tafel an das ehemaligen KZ Missler (siehe Bild).

Video freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Zentrum für Medien, Bremen:

In einem Ausschnitt eines Video-Interviews mit dem USC Shoah Foundation Institute schildert der Zeitzeuge Willy Hundertmark seine Eindrücke aus dem KZ Mißler

Mehr dazu unter „Die Entnazifizierung und die Gestapo

B. In Findorff entsteht erster Hochbunker

Über 130 Bunker wurden ab Herbst 1940 auf Bremens öffentlichen Flächen errichtet. Der erste war der Hochbunker an der Zwickauer Straße in Findorff. Das „Sofortprogramm“ wurde mit diesem Bunker begonnen, er ist damit das älteste Bauwerk seiner Art in Bremen. In dieser frühen Phase waren die Standardwerte für Wandstärke 1,10 m und Deckenstärke 1,40 m.

C. Stadt und Land: Hand in Hand

Reichspropagandaminister Goebbels eröffnete am 10.06.34 im Weserstadion die „Braune Hansa-Messe“, die anschließend 14 Tage lang auf der Bürgerweide stattfand. Mit ihr sollte der Kampf um die Wiederbelebung der Bremer Wirtschaft entwickelt werden. Eine dazu ausgegebene Losung lautete: Deutsche kaufen deutsche Waren! Jedes Haus in Bremen hatte die Hakenkreuzflagge zu hissen.

Das Hissen von Hausfahnen an den Nationalfeiertagen oder bei sonstigen Anlässen war zwar nicht verpflichtend. Wenn dies jedoch unterblieb, wurde es als Akt demonstrativer Verweigerung gewertet. Der Blockwart vermerkte dies in seiner Hauskartei. Es gab zur Ermahnung überdies ein Formschreiben, in das nur noch Name und Datum einzutragen waren.

D. Die Kapitulation Bremens am 27. April 1945

Britische Panzerverbände stoßen im April 1945 aus südlicher Richtung auf das Stadtgebiet vor. In den Nachbarsgemeinden Stuhr, Kirchweyhe, Seckenhausen etc. sterben 239 hauptsächlich junge Soldaten der Wehrmacht. Verbissen kämpften sie einen Streit, der schon längst verloren war. In Bremen konnte man den Feuerschein über das zerstörte Brinkum gut wahrnehmen.
Mit Flugblättern fordern die Alliierten Bremen am 20. April zur Kapitulation auf, aber für Gauleiter Wegener kommt das nicht in Frage – um sich anschließend nach Schleswig Holstein abzusetzen.
Bürgermeister Duckwitz befürwortet hingegen eine Kapitulation und wurde daraufhin des Amtes enthoben.
Am 26. April 1945, um ca. 10.00 Uhr morgens, erreichten die ersten britischen Soldaten den Marktplatz.
Letzte Kämpfe fanden noch in der Nacht vom 26. zum 27. April um die Bunker an der Parkallee mit den dort verschanzten Deutschen statt, darunter viele Angehörige der Hitler Jugend.
Der Bremer Kampfkommandant, Generalleutnant Fritz Becker, hält im Bunker an der Parkallee die Stellung. Allein in diesen letzten Tagen verlieren bei den Kriegshandlungen nochmal 540 Zivilisten und 220 Soldaten in Bremen ihr Leben.
Am Morgen des 27. April 1945 kapitulieren die verbliebenen deutschen Soldaten unter dem Befehl von Becker vor den britischen Streitkräften. Der Bunker in Form eines Klinkerbaus, befindet sich immer noch im Bürgerpark, direkt beim Kinderspielplatz an der Parkallee, neben dem Aussichtsturm auf der Anhöhe.

Weiterführende Literatur: „Kriegsende in Bremen“ von Hartmut Müller und Günther Rohdenburg und „Bremen kaputt, Bilder vom Krieg 1939 bis 1945“ von Christoph U. Schminck-Gustavus. Beide Bücher sind erschienen im Verlag Edition Temmen, Bremen.

Dieses Video wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Landesfilmarchiv, Bremen.

E. Die SA-Gruppe Nordsee in Bremen

Die Sturmabteilung (SA) hatte sich aus den Wehrverbänden der frühen 1920er Jahre als Saalschutz- und Straßenkampftruppe der NSDAP herausgebildet. Am Vorabend ihrer politischen Entmachtung und der Ermordung ihrer Führung um Ernst Röhm am 1. Juli 1934 zählte sie rund 4,5 Millionen Mitglieder und war damit die mit Abstand größte Parteigliederung.

Eine SA-Ortsgruppe ist in Bremen erstmals 1926 festzustellen. Nachdem diese kurzzeitig vom Polizeiwachtmeister Friedrich Gravemann geleitet worden war, übernahm der spätere Bremer NS-Senator Hans Haltermann die Gruppe. In dieser Frühphase fiel die Bremer Sturmabteilung durch Angriffe auf vermeintlich jüdische Personen auf. Für Unmut im städtischen Bürgertum sorgte der Überfall auf einen in Bremen weilenden brasilianischen Konsul. Der Vorfall führte 1929 zu einem Gerichtsverfahren. In der Folge wurde die Bremer Gruppe dem späteren Gauleiter Carl Röver in Oldenburg unterstellt.

Während die SA in Bremen in dieser Frühphase allenfalls zweistellige Mitgliedszahlen hatte, verzeichneten Parteiunterlagen 1931 bereits über 6.000 Mitglieder im Bereich Weser-Ems. Die auffällig jungen Männer profilierten sich im Straßenkampf durch raues, brutales Vorgehen. Immer wieder kam es in Bremen und Nordwestdeutschland zu Straßenkämpfen. Während einer Auseinandersetzung mit Kommunisten in Huckelriede wurde der SA-Mann Johann Gossel erstochen, der in der Folgezeit als eine Art Bremer Horst Wessel zum Märtyrer stilisiert wurde. Das 1933 von den neuen Machthabern übernommene „Rote Haus“, die ehemalige KPD-Parteizentrale am Buntentorsteinweg, wurde der SA überlassen und in „Johann-Gossel-Haus“ umbenannt.

Im Februar 1933 übernahm Wilhelm Freiherr von Schorlemer die Führung der mittlerweile als Gruppe Nordsee firmierenden SA-Gliederungen in Nordwestdeutschland. Sein Vorgänger Carl Röver war zwischenzeitlich 1932 Ministerpräsident, dann Gauleiter und Reichsstatthalter in Oldenburg geworden. Schorlemer führte die Gruppe zunächst von Hannover aus. Als der Kaffee-Kaufmann Ludwig Roselius anbot, ein Haus am Osterdeich zu erwerben und der Gruppe unentgeltlich zu überlassen, lehnten Senat und Parteiführung dies als unangemessen ab. Erst mit dem Kauf des Hauses Hollerallee 75 im Frühjahr 1934 fand die Sturmabteilung ihren dauerhaften Sitz in Bremen. Nur zwei Häuser weiter, im heutigen Standesamt, war die NSDAP-Kreisleitung ansässig.

In den ersten Wochen des NS-Regimes war die SA in Bremen vor allem mit der Verfolgung politischer Gegner, Sozialdemokraten, Kommunisten und liberalen Bürgerlichen betraut. Am 8. März 1933 führte Bürgermeister Markert die in Preußen bereits geltenden Richtlinien ein, wonach SA- und SS-Männer als Hilfspolizisten eingesetzt werden konnten. In Bremen wurden 100 derartige Kräfte eingesetzt, in Bremerhaven 25. Zu ihren Aufgaben gehörte auch die Bewachung politischer „Schutzhäftlinge“ in den frühen Bremer Konzentrationslagern Mißler (Findorff), Ochtumsand (in der Ochtummündung) und Langlütjen II (in der Wesermündung). Auch die bekannten Emslandlager Börgermoor, Esterwegen und Neusustrum lagen im geografischen Zuständigkeitsbereich der Gruppe Nordsee. In ihnen taten zunächst SS- und SA-Männer nebeneinander Dienst.

Anfang 1934 häuften sich die Konflikte zwischen Schorlemers SA und Theodor Laue als Polizeisenator. Wiederholt randalierten SA-Männer, von ihrer vermeintlichen Vorkämpferrolle beflügelt und zugleich vom Ausbleiben der „nationalen Revolution“ frustriert, in der Straße, ignorierten polizeiliche Anordnungen, widersetzten sich Verhaftungen durch die Polizei oder provozierten Angehörige der staatlichen Sicherheitsorgane. Der Konflikt zwischen Schorlemer und Laue galt letztlich der Frage des staatlichen Gewaltmonopols, das Laue weiterhin vertrat.

Vergleichbare Konflikte hatten sich in dieser Zeit reichsweit abgespielt. Die SA-Veteranen sahen ihre Verdienste durch die NS-Parteiführung nicht gewürdigt, der SA-Stabschef Ernst Röhm vertrat Hitler gegenüber selbstbewusst deren Interessen. Am 1. Juli fingierte die Parteiführung daher einen angeblichen Putschversuch Röhms und ließ führende SA-Männer durch SS-Kontingente ermorden. Neben Röhm und seinen Vertrauten wurden auch potenzielle konservative Oppositionelle und frühere Widersacher Hitlers getötet, darunter Ex-Reichskanzler Kurt von Schleicher und Hitlers einstiger parteiinterner Gegenspieler Gregor Strasser. Auch Wilhelm von Schorlemer wurde, nicht zuletzt auf Betreiben Bremer Behörden, mit der SA-Führung um Röhm assoziiert und verhaftet. Wenn er auch in der Folge nicht weiter belastet wurde, war seine Rolle in Bremen damit beendet.

Bereits zwei Wochen später wurde im Senat dessen Nachfolger als SA-Führer vorgestellt: Heinrich Böhmcker (1896–1944) war zuvor Regierungspräsident im Oldenburger Landesteil Eutin gewesen und hatte in Ostholstein die Sturmabteilung mit aufgebaut. Er war ein enger Vertrauter von Gauleiter Röver, galt im Ganzen als brutaler „alter Kämpfer“, dem seinen politischen Gegner den Spitznamen „Latten-Heini“ – nach seiner bevorzugten Nahkampfwaffe – verliehen hatten.

Mit der Entmachtung Röhms war die revolutionäre „Kampfzeit“ der SA vorüber, es begannen Jahre der Neuorientierung. Sie blieb aber ein Reservoir, das für Terrorakte, Sicherungsaufgaben und Machtdemonstrationen jederzeit mobilisiert werden konnte. Das Gebiet der Gruppe Nordsee erstreckte sich von der niederländischen Grenze bis zur Elbe, vom Weserbergland bis ins Hannoversche. Sie verfügte über fünf Brigaden: Brigade 62 „Unterweser“ mit Sitz in Bremen, Brigade 63 „Oldenburg-Ostfriesland“ mit Sitz in Oldenburg, Brigade 64 in Osnabrück, Brigade 162 in Minden sowie die ebenfalls in Bremen ansässige, für die nordwestdeutschen Küstenorte zuständige Marinebrigade 2.
Die genaue Zahl der SA-Männer in Böhmckers Zuständigkeitsbereich ist nicht zu benennen. Werden alle Lokalgliederungen im Bereich Nordsee addiert, ergibt sich eine Mindest-Sollstärke von 13.572 und eine Höchst-Sollstärke von rund 96.000 Mann.

Die Gruppe betrieb unter Böhmcker drei Hilfswerklager in Varel, Malgarten bei Bramsche und Blankenburg bei Oldenburg. In diesen „Verwahranstalten mit Fantasiegehältern“[1] (Detlev Humann) wohnten verwahrloste, langzeitarbeitslose SA-Männer, die es ruhigzustellen galt. Ebenfalls unterstanden Böhmcker mehrere SA-Siedlungsprojekte, die nach ähnlichem Schema verdienten SA-Männern eine sinnvolle Tätigkeit bei der Moorkultivierung und Besiedelung ländlicher Gegenden verschaffen sollten.

Die reichsweit ersten drei SA-Siedlungen dieser Art wurden im Bereich der Gruppe Nordsee in Osterholz-Scharmbek, Petkum und Pfalzdorfermoor eingerichtet.

Auf der Suche nach neuen Zuständigkeitsbereichen wurde die Sturmabteilung im Bereich des Wehrsports aktiv. Als Juniorpartner der Wehrmacht organisierte sie paramilitärische Übungen, Reitsport und Schießtrainings. Im Fedelhören unterhielt die Bremer SA eine eigene Reithalle, eine weitere Reithalle existierte in der Vahr. Die regelmäßige Erlangung des SA-Sportabzeichens wurde zur Konvention für Mitglieder der Organisation. Eine 2020 bei Gartenbauarbeiten gefundene Gedenkmedaille erinnert an die Kampfsporttage der SA-Gruppe Nordsee 1933 (siehe Bild). Die jährlichen Kampfsporttage wurden auch nach 1934 als Großevents gefeiert. Massenparaden durch die Pauliner Marsch und über den Osterdeich, Ansprachen von Böhmcker und Röhms Nachfolger Viktor Lutze waren obligatorische Programmpunkte. Beim alljährlichen Tag der SA-Gruppe Nordsee wurden derartige Selbstdarstellungen und Massenkundgebungen wiederholt.

Von großer Bedeutung für die Bremer Sturmabteilung war, dass Heinrich Böhmcker 1937 auch zum Regierenden Bürgermeister der Hansestadt ernannt wurde. Gegen anfänglichen Widerstand Hitlers und auf Insistieren seines Freundes Carl Röver wurde er in dieses Amt gehievt. Der Bremer Bürgermeister verfügte damit über eine eigene Eingreiftruppe von fünfstelliger Kopfzahl.

Immer wieder war die Sturmabteilung unmittelbar in antisemitische Terror- und Gewaltakte involviert. 1933 hatte sie auch in Bremen und Nordwestdeutschland an den Boykottaktionen gegen jüdisch geführte Geschäfte mitgewirkt. Im ländlichen Raum des Gruppengebiets, etwa in Vechta, war die SA für die regelmäßige Bestückung der sog. Stürmer-Kästen zuständig. Trauriger Höhepunkt dieser Entwicklung waren die Terrorakte und Morde des Novemberpogroms 1938: Während Böhmcker in München auf einer Feier weilte und seine Befehle telefonisch durchgab, führten sein Stabschef Werner Römpagel und sein Adjutant Hans Valsechi in der Zentrale in der Hollerallee Böhmckers Anordnungen mit drastischer Konsequenz aus.
In Bremen und der näheren Umgebung wurden Heinrich Rosenblum, Selma Zwienicki, Dr. Arthur und Martha Goldberg sowie Leopold Sinasohn ermordet. Ein weiteres Todesopfer gab es in Emden. Im gesamten Gruppengebiet brannten die Synagogen, jüdische Geschäfte wurden zerstört.
Die jüdischen Bewohner:innen Bremens wurden in der Nacht auf den 10. November 1938 durch die Straßen zum Oslebshauser Gefängnis getrieben. Während Frauen und Kinder am Folgetag freigelassen wurden, erfolgte die Verschleppung der männlichen jüdischen Bevölkerung in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Insgesamt wurden rund 1.000 Personen aus dem Gruppengebiet verschleppt. Dass in Bremen und Nordwestdeutschland mit besonderer Brutalität vorgegangen wurde, ist auch daran ersichtlich, dass selbst Reichspropagandaminister Goebbels in seinem Tagebuch von „unliebsamen Exzessen“ in der Hansestadt sprach.

Die SA-Gruppe Nordsee musste im Zweiten Weltkrieg viele ihrer regionalen Aktivitäten einstellen. Viele SA-Männer wurden zum Kriegsdienst herangezogen, nicht selten waren sie Veteranen oder Reservisten. Zunehmend wurde Material der Sturmabteilung für die Wehrmacht requiriert. Zugleich fungierte die SA weiter als Stätte der Kriegsvorbereitung, organisierte Schießturniere und war später mit der Organisation der Volkssturmeinheiten betraut. Mit dem Tod Heinrich Böhmckers im Juni 1944 endeten die Aktivitäten in der Hansestadt weitgehend. So weit ersichtlich, wurde sein Amt als Gruppenführer nicht mehr neu besetzt.

Das Haus Hollerallee 75 ist heute Sitz des Forum Kirche der EKB. An die be­las­ten­de Ge­schich­te des Gebäudes er­in­nert das ev. Bildungswerk mit dem Grund­satz von Theo­dor W. Ador­no, durch Bil­dungs­ar­beit ei­nen Bei­trag dazu zu leis­ten, dass »Ausch­witz nie mehr sein wer­de«.

[1] Detlev Humann: Verwahranstalten mit Fantasiegehältern? Die Hilfswerklager der SA für arbeitslose „alte Kämpfer“, in: VSWG 97 (2010) Nr. 4, S. 425-436

Text: Matthias Loeber

 

F. (Anti-) Kolonialdenkmal

Der „Elefant“ wurde als Reichskolonialehrendenkmal 1931 errichtet, am 6. Juli 1932 eingeweiht und am 19. September 1989 wurde in der Bremischen Bürgerschaft der Beschluss gefasst es zu einem Antikolonialdenkmal umzubenennen.
Zweck des Denkmals war die Erinnerung an die ehem. deutschen Kolonien in Afrika und in der Pazifik zu derer Eroberung einige Bremer einen zweifelhaften Beitrag erbracht haben. Hier gilt es insbesondere Adolf Lüderitz zu erwähnen, der für das deutsche Kaiserreich Südwest-Afrika als Kolonie erwarb, das hiesige Namibia. Aber auch Hauptmann Paul von Lettow-Vorbeck, der verantwortlich war für Niederschlagen des Madji-Aufstandes in Deutsch Südwest. Er erhielt großen Zuspruch in Bremen, wo man sogar eine Kaserne nach ihm benannte.
Bei der Einweihungsfeier sagte von Lettow-Vorbeck laut Bremer Nachrichten vom 21. Oktober 1937, persönlich: „Ein großes Volk muss Kolonien haben, um leben zu können.“
Auftraggeber des Denkmals war die Koloniale Arbeitsgemeinschaft Bremen, unter derer Dach sich sämtliche Kolonialvereine der Stadt versammelt hatten. Insgesamt wurde dazu 100.000 Reichsmarkt gesammelt, hauptsächlich von bremischen Überseefirmen. Der Kaufmann Eduard Achelis sprach in seiner Funktion als Vorsitzender der Abteilung Bremen der Deutschen Kolonialgesellschaft bei der Einweihung des „Reichskolonialehrendenkmals“.
Der Entwurf des Denkmals stammt vom Münchner Bildhauer Fritz Behn.

Keine Erwähnung fand der Völkermord der deutschen Truppen Anfang des 20. Jahrhunderts an die Herero und Nama in Südwest-Afrika, bei dem ca. 80.000 Einheimischen umkamen. Inzwischen wurde dieser Völkermord 2021 von der Bundesregierung anerkannt. Jährlich wird am 11. August am Denkmal an den Opfern dieses Völkermordes erinnert.

In der NS-Zeit stand das Denkmal im Mittelpunkt von Bestrebungen der Bremer Nationalsozialisten, aus Bremen eine „Stadt der Kolonien“ zu machen. Sie organisierten Mai 1938 in Bremen dazu eine Reichskolonialtagung.

G. Hermann Böse – Musiklehrer und Widerstandskämpfer

Am heutigen Gymnasium an der Hermann-Böse-Straße (damals Realgymnasium in der Kaiser-Friedrich-Straße) hat Hermann Böse von 1907 bis 1933 als Musiklehrer gearbeitet. Geboren wurde er im Jahr 1870 in Hemelingen. Das Lehrerseminar besuchte er in Bederkesa. Außerdem absolvierte er eine Ausbildung zum Taubstummenlehrer in Stade.
Hermann Böse war verheiratet mit Margarethe Schierloh und hatte mit ihr zwei Söhne.

Bereits 1894 trat Böse in die SPD ein. Als 1904 der Parteitag der SPD in Bremen stattfand, trat ein Männerchor mit Arbeiterliedern auf, dessen musikalische Leitung in seinen Händen lag. Dieser Chor, der sich ursprünglich „Arbeitermännerchor“ nannte, entwickelte sich zu dem bedeutenden und anerkannten „Arbeitergesangsverein Bremen“. Ab April 1907 unterrichtete Böse am Realgymnasium.

Am 22. Februar 1910 schickten sozialdemokratische Bremer Lehrer (daran waren u.a. beteiligt: E. Sonnemann und G. Luttmann von der Schule Elsflether Straße, G. Döring von der Schule Sternstraße, H. Rumpf von der Schule Habenhausen, D. Alfken von der Schule Kantstraße, H. Ostersehlte von der Michaelisschule) ein Glückwunschtelegramm an August Bebel anlässlich seines siebzigsten Geburtstags. Hermann Böse war auch einer dieser Lehrer; an der Abfassung waren zudem die bekannten Arbeiterführer Wilhelm Pieck und Johann Knief beteiligt. Dieses Telegramm führte zu heftigen Pressekampagnen in der regionalen und überregionalen Tagespresse. Einige Jahre später verließ Böse jedoch die SPD wegen seiner Ablehnung gegen den Krieg (Ersten Weltkrieg).

Im Zusammenhang mit den revolutionären Veränderungen und der Bremer Raterepublik wurde Böse im Januar 1919 Mitglied der KPD und im gleichen Monat Leiter des Kommissariats für Schul- und Bildungsfragen im Rat der Volksbeauftragten.

Nach der Machtübernahme durch die NSDAP löste sich der Arbeitergesangsverein auf. Viele Mitglieder wurden verhaftet und in KZ’s gebracht. Böse war jetzt gezwungen durch privaten Musikunterricht zu verdienen, denn aus gesundheitlichen Gründen hatte er auch seine Lehrertätigkeit aufgeben müssen.

Unter Anwendung der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat“ wurde er Ende März 1933 aus dem Schuldienst entlassen. Als in den Jahren 1940 bis 1942 die Bästlein-Jacob-Abshagen-Organisation ihre illegale Widerstandsarbeit entfaltete, wurde sie von Hermann Böse in Bremen unterstützt. Nach seiner Verhaftung im November 1942 durch die „Geheime Staatspolizei“ wurde Böse im Ostertorgefängnis und später im KZ Hamburg-Fuhlsbüttel inhaftiert.

Am 17. Juli 1943, drei Tage nach seiner Entlassung, verstarb er an einer schweren Krankheit. Sein Grab befindet sich auf dem Osterholzer Friedhof.
Die Hermann-Böse-Straße trägt ihren Namen seit 1947. Erst 2005, also 58 Jahre nach seinem Tod, wurde auch das Gymnasium offiziell nach Hermann Böse benannt. Vor seinem ehem. Wohnhaus in der Besselstraße 21 befindet sich im Gedenken Hermann Böses Wirken ein Stolperstein, genauso einen vor dem Gymnasium. Der Arbeitergesangverein nannte sich nach 1945 ebenfalls Hermann-Böse-Chor.

H. Kinderlandverschickung vom Bremer Hauptbahnhof

Schwere britische Luftangriffe waren Anlass, Kinder zukünftig durch Verschickung davor zu schützten. Die ersten führten nach Salzburg und Oberbayern. Baldur von Schirach war Schirmherr dieser Maßnahmen. Reichspropagandaminister Göbbels beschwor Mütter, ihre Kinder daran teilnehmen zu lassen, dennoch nahmen in Bremen statt der vorgesehenen 10 000 nur 4500 Kinder daran teil. Auf Anordnung des Reichsverteidigungskommissars sollten alle Bremer Schulen nach Sachsen verlegt werden.
Aber sogar die Bremer Hitler Jugend sträubte sich gegen die KLV, da sie ihren Einfluss auf die Kinder schwinden sah. Ein Führererlass vom 28. September 1940 drängte jedoch zum Handeln. Er sah vor, dass möglichst ganze Klassen verschickt werden sollten, wobei die Sechs- bis Zehnjährigen Pflegefamilien zugeteilt werden und ältere Kinder an HJ-Lagern teilnehmen sollten.
Ein wichtiger Hintergedanke der Maßnahme war auch, dass die Mütter ihre Kinder nicht mehr selbst betreuen sollten sondern zur Fabrikarbeit eingesetzt werden konnten. Am 29. Januar 1941 verließ der erste Sonderzug mit etwa 500 Kindern Bremen. Die jeweiligen Verschickungen sollten sechs Monate dauern.

Ab August 1943 wurden auch ganze Schulen verschickt, mit Ausnahme der sechsten bis achten Klassen, deren Schüler als Flakhelfer verpflichtet wurden. Bis März 1945 waren die meisten Kinder der bremischen Familien wieder in der Hansestadt.

I. Deportation ins Ghetto Minsk

In der Zeit vom 1. November bis 4. Dezember 1941 wurden aus dem Gebiet des Deutschen Reiches ca. 50 000 Juden in die Ghettos von Riga und Minsk deportiert. In Bremen stellte die Gestapo unter erzwungener Mitwirkung der Bremer Vertretung der Reichsvereinigung der Juden die Deportationsliste zusammen. Die 440 Betroffenen erhielten um den 11. November ihren Deportationsbefehl. Am 17. November hatten sie sich in zwei Sammelstellen, der Lettow-Vorbeck-Schule (heute Hermann-Böse-Gymnasium) und in der Carl-Peters-Schule (heute Oberschule am Barkhof), einzufinden. Hinzu kamen 130 Personen aus dem Regierungsbezirk Stade, die gleichfalls hier gesammelt wurden.

Am Morgen des 18. November wurden die Menschen (570 insgesamt) aus den Sammelunterkünften unter Bewachung in Gruppen zum Lloydbahnhof (besonderes Abfertigungsgebäude für den Auswandererverkehr nach Bremerhaven östlich der Bahnhofshalle), gebracht. Sie hatten zuvor eine Erklärung unterschreiben müssen, dass sie Feind der deutschen Regierung seien, ihr Anrecht auf das von ihnen zurückgelassene Eigentum aufgaben und auf ihre deutsche Staatsangehörigkeit verzichteten. Es durften nur ein Koffer mit Ausrüstungsgegenständen bis zu 50 kg und Handgepäck mitgenommen werden. Der Transportzug verließ Bremen Richtung Hamburg gegen 8:40 Uhr. Dort hängte man weitere Personenwagen mit ca. 400 Hamburger Juden an. Der Zug traf am 22. November im Güterbahnhof Minsk ein.

Im Ghetto waren neben russischen Juden ca. 7.000 reichsdeutsche Juden interniert. Wer arbeitsfähig war, wurde zur Zwangsarbeit eingesetzt. Die Kälte des Winters 1941/42, Unterernährung und katastrophale Hygiene führten in vielen Fällen zum Tod. Immer wieder kam es zu willkürlichen Erschießungen. Der größte Teil der Bremer Juden wurde in einer „Aktion“ am 28./29.7.1942 mehrheitlich in Gaswagen auf dem Weg nach Blagowschtschina, einer Waldlichtung in der Nähe von Trostenez bei Minsk, erstickt.

Bei der Auflösung des Ghettos ab September 1943 lebten noch ca. 1.000 reichsdeutsche Insassen. Ca. 300 von ihnen wurden in Lager im besetzten Polen deportiert, nahezu alle anderen wurden bis Oktober 1943 umgebracht. Von den Bremer Deportierten überlebten nur sechs Männer.

Seit 1991 erinnert eine Tafel am Hauptbahnhof links des Haupteingangs an den Überfall auf die Sowjetunion und die danach erfolgte Deportation Bremer Juden in das Ghetto von Minsk. An der Oberschule am Barkhof wurde 1998 eine Gedenktafel angebracht.

In Anwesenheit des Bundespräsidenten, Frank-Walter Steinmeier, sowie des Bremer Bürgermeisters, Carsten Sieling, wurden am 29. Juni 2018 in der Nähe der belarussischen Hauptstadt Minsk die Gedenkstätte Trostenez u.a. mit dem Mahnmal „Der Weg des Todes“ (siehe Bild) eingeweiht. Beide erinnern an die Tausenden von jüdischen Bürger/innen aus ganz Europa, die hier ermordet wurden.

Der hier erwähnte Beitrag von P. Christoffersen über die Deportation der Bremer Juden in das Ghetto Minsk ist ursprünglich von 2017. Aufgrund neuen Quellenmaterials hat der Autor den Beitrag aktualisiert (Stand 11/2025, als PDF). Außerdem hat das LIS Bremen April 2025 für den Schulunterricht Arbeitsmaterial zur Verfügung gestellt.

Quellen: Peter Christoffersen: „Es war ein einziges Grauen“ – Die Deportation der Bremer Juden in das Ghetto Minsk und ihre Vernichtung, in: Christoffersen, Peter/Johr, Barbara, (Hrsg.): Stolpersteine in Bremen, Schwachhausen/Horn-Lehe, Bremen 2017
Peter Christoffersen: Die Deportation Bremer Juden in das Ghetto Theresienstadt, in: Christoffersen, Peter/Johr, Barbara (Hrsg.): Stolpersteine in Bremen, Findorff/Walle/Gröpelingen, Bremen 2019