Mit dem Fahrrad durch Bremen Nord

10 Haltepunkte

Tagesrundgang durch Bremen Nord – vielleicht besser per Fahrrad

A. Rüstungsprojekt Bunker Valentin

Im Mai 1943 begannen im Ortsteil Farge-Rekum die Arbeiten zum Bau einer verbunkerten U-Boot Werft. Der Bunker „Valentin“ war eines der größten Rüstungsprojekte im nationalsozialistischen Deutschland. Die Kriegsmarine plante hier die Massenproduktion von U-Booten des Typ XXI. Der Einsatz dieser U-Boote und weiterer sogenannter Wunderwaffen, so die NS-Propaganda, sollte eine erneute Kriegswende ermöglichen. Um die zukünftige Produktion vor Bombenangriffen der Alliierten zu schützen, wurde mit dem Bau eines Bunkers begonnen, dessen Wände bis zu 7m dick sind. An der Planung waren neben der Marinebauleitung auch die Organisation Todt, die Bremer Werften Deschimag AG Weser und Vulkan AG sowie die Konzerne Thyssen und Krupp beteiligt. Der Bau wurde nie abgeschlossen. Im März 1945, wenige Tage vor dem Kriegsende in Bremen-Nord, zerstörten Bomben der britischen Royal Air Force und der U.S. Air Force Teile des Gebäudes.

Von den 10.000 Menschen, die täglich auf der Baustelle arbeiteten, waren etwa 8.000 Zwangsarbeiter*innen, die aus ganz Europa und Nordafrika kamen. Es handelte sich dabei sowohl um zivile Zwangsarbeiter*innen (siehe Glossar), als auch um Kriegsgefangene sowie Häftlinge des KZ Farge und des Arbeitserziehungslagers Farge . Mehr als 1.600 von ihnen starben während der Bauarbeiten an Unterernährung, Krankheiten und Gewalt. In der Umgebung der Baustelle befanden sich sieben Lager. Einige davon wurden eigens für den Bunkerbau eingerichtet, andere waren bereits zuvor für den Bau von unterirdischen Tanklagern der Wehrmacht und der Kriegsmarine genutzt worden.

Nach dem Krieg gab es in Bremen lange kein sichtbares Erinnern an den Bunker und seine Geschichte. Von 1960 bis 2010 wurde er von der Bundesmarine als Materialdepot genutzt. Seit 2015 ist die Gedenkstätte Denkort Bunker Valentin für die Öffentlichkeit zugänglich und klärt über die Geschichte des Ortes und die Schicksale der Zwangsarbeiter*innen auf.

Einzelschicksale einiger der Zwangsarbeiter:

Weiter wurde folgendes Video freundlicherweise vom Landesfilmarchiv, Bremen, zur Verfügung gestellt.

 

B. KZ Bremen-Farge

Im Oktober 1943 errichtete die SS in Bremen-Farge ein Konzentrationslager, um den Bau des Werftbunkers „Valentin“ mit Arbeitskräften zu versorgen. Der Bunker war eines der größten Rüstungsprojekte der Nationalsozialisten. In seiner unmittelbaren Umgebung befanden sich sieben unterschiedliche Lager für Zwangsarbeiter*innen.

Das KZ Bremen-Farge war ein Außenlager des KZ Neuengamme bei Hamburg . Um die deutsche Wirtschaft und die Rüstungsindustrie mit Zwangsarbeiter*innen zu versorgen, baute die SS das System dieser Außenlager ab 1942 gezielt aus. Sie befanden sich, wie auch in Bremen-Farge, in der Nähe von Baustellen oder Produktionsstätten. Gleichzeitig steigerte die SS die Belegung der Hauptlager, indem sie neue Häftlinge aus den besetzten Gebieten deportierte oder aus anderen Lagern und Ghettos überstelle. Hauptlager wie Neuengamme waren fortan überfüllt und der Nachschub an Arbeitskräften schien unerschöpflich. Dies wirkte sich negativ auf die Behandlung der Häftlinge in den Außenlagern aus, denn in den Augen der Lagerkommandanten waren sie ersetzbar. Das KZ Neuengamme hatte mindestens 86 Außenlager. Bremen-Farge war mit 3.000 männlichen Gefangenen eines der Größten.

Zuerst wurden polnische, sowjetische und deutsche Gefangene aus dem Hauptlager Neuengamme nach Bremen-Farge überstellt. Im Sommer 1944 traf ein großer Transport mit Häftlingen ein, die erst vor wenigen Wochen aus Frankreich nach deportiert worden waren. Unter ihnen befanden sich Menschen französischer, spanischer, griechischer und nordafrikanischer Herkunft. Die letzten Häftlinge wurden im Februar 1945 im aus dem KZ Sachsenhausen nach Bremen-Farge überstellt.

Untergebracht waren die Häftlinge des KZ Bremen-Farge in einem unterirdischen Bunker, der ursprünglich zur Lagerung von Treibstoff gebaut worden war, aber nie in Benutzung ging. #Verknüpfung Spur Marinetanklager Der Bunker hatte einen Durchmesser von 50m. Die Gefangenen schliefen dort auf mehrstöckigen Bettgestellen, waren extremen Temperaturen, Dunkelheit und einer hohen Luftfeuchtigkeit ausgesetzt. Oberirdisch wurden einige Holzbaracken errichtet, in denen sich auch die Lagerküche, die Schreibstube und das Krankenrevier befanden. Eine dieser Baracken wurde aus Platzgründen auch als Häftlingsunterkunft genutzt; Doch die meisten Gefangenen mussten im Treibstoffbunker leben.

Die Häftlinge im KZ Bremen-Farge waren vollkommen entrechtet. In Tag- und Nachtschichten musste sie bis zu 12 Stunden täglich auf der Baustelle des Bunker „Valentin“ schwerste Zwangsarbeit verrichten. Die Ernährung war nicht ausreichend. Festgesetzte Rationen sollten Häftlinge am Leben erhalten, führten aber oft zu einem „langsamen Dahinschwinden des Körpers“.[1]  Regelmäßig wurden die Gefangenen Opfer von willkürlicher Gewalt und Misshandlungen durch das Wachpersonal. Auch mangelnde medizinische Versorgung und Hygiene erschwerten die Existenzbedingungen im Lager und führten zu ernsten Krankheitsverläufen. Mehr als 700 Häftlinge des KZ Bremen-Farge starben. Ihre genaue Zahl ist nicht bekannt, weil die SS in den letzten Kriegstagen alle Unterlagen des Lagers vernichtete.

Am 10. April 1945 wurde das Lager geräumt und die Häftlinge wurden auf sogenannte Todesmärsche geschickt. Diese „Räumungsaktionen“ führte die SS im letzten Kriegsjahr durch, um eine Befreiung der Häftlinge zu verhindern. Die Gefangenen wurden mit der Bahn oder zu Fuß in anderen Lagern zusammengetrieben. Viele starben an Entkräftung oder wurden von den sie begleitenden Wachmannschaften getötet. Zum Zeitpunkt der „Räumung“ des KZ Bremen-Farge befanden sich dort 2.092 Gefangene und zusätzlich fast 2.000 Gefangene aus anderen Bremer Außenlagern. Ein Teil der Männer musste in das 60km entferne Kriegsgefangenenlager Sandbostel marschieren. Dort wurden sie mit anderen KZ-Häftlingen aus ganz Norddeutschland in einen  abgetrennten Teil eingesperrt und nicht mehr mit Nahrung oder anderen Gütern versorgt; 3.000 von etwa 9.500 Menschen überlebte diese Zustände nicht. Eine andere Gruppe von Häftlingen aus dem KZ Bremen-Farge wurde in das Hauptlager Neuengamme und danach weiter zur Lübecker Bucht gebracht, wo die SS sie auf die Schiffe „Cap Arcona“, „Thielbek“ und „Athen“ verteilte. Am 3. Mai wurden die „Cap Arcona“ und die „Thielbek“ von britischen Fliegern bombardiert, die nicht wussten, dass es sich um KZ-Schiffe handelte. Von etwa 7.000 Häftlingen haben nur wenige hundert diese Tragödie überlebt.

Der Bunker, in dem sich das KZ Bremen-Farge befunden hat, wurde nach dem Krieg gesprengt; Seine Ruinen sind heute von Pflanzen und Bäumen überwachsen.

Autor*in:  Redaktionsgruppe Spurensuche

[1]     Buggeln: Arbeit und Gewalt, S. 131.

Literatur:

Buggeln, Marc: Der U-Boot-Bunker „Valentin“. Marinerüstung, Zwangsarbeit und Erinnerung, Edition Temmen 2017.

Buggeln, Marc: Arbeit & Gewalt. Das Außenlagersystem des KZ Neuengamme, Wallstein-Verlag 2009.

Hertz-Eichenrode, Katahrina (Hg.): Ein KZ wird geräumt. Die Auflösung des KZ Neuengamme und seiner Außenlager durch die SS im Frühjahr 1945, Edition Temmen 2000.

Portefaix Raymond: L‘ enfer que Dante n’avait pas prévu, U.S.H.A. Impr. Moderne 1988, online in: https://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k3383601x.

C. KZ Außenlager Bahrsplate

Am Rönnebecker Hafen in Blumenthal liegt die Bahrsplate. Der Grünanlage sieht man heute nicht an, dass sich hier im Zweiten Weltkrieg in unterschiedlichen Zeitabschnitten zwei Arbeitslager und ein KZ befanden, in denen Menschen zur Arbeit gezwungen wurden und einer unmenschlichen Behandlung unterlagen. Die drei gehörten zu den insgesamt ca. 70 Lagern und Unterkünften für Zwangsarbeiter in Bremen-Nord.

Um den Mangel an Arbeitskräfte auszugleichen, beantragte 1942 die Deschimag/A.G. Weser den Zwangseinsatz von osteuropäischen Arbeitskräften für den Bau von Rüstungsschiffen. Sie pachtete dazu das Areal des Volksparks Bahrsplate in Bremen-Blumenthal. Im östlichen Teil entstand ein sog. Ostarbeiterlager; hier wurden Zwangsarbeiter bis April 1945 aus der Sowjet-Union untergebracht. Die Werft mietete ebenfalls Gebäude von der benachbarten Bremer Wollkämmerei, u.a. den sog. Hochbau an und sicherte sie gegen das restliche Firmengelände mit Zäunen ab. Hier arbeiteten die Arbeitskräfte aus dem Ostarbeiterlager.

Im westlichen Teil der Bahrsplate richtete die Firma Deschimag/A.G. Weser das sog. „Russenlager“ ein, in dem ca. 500 sowjetische Kriegsgefangenen untergebracht waren. Sie waren bedingt durch eine mangelhafte Ernährung und die harte Arbeit, die sie zu leisten hatten, in der Regel in einer schlechten körperlichen Verfassung. Nach deren Verlegung wurden im August 1944 Häftlinge des KZ Neuengamme bei Hamburg in den Baracken untergebracht. Es wurde dann „Arbeitslager Blumenthal“ genannt.
Das Lager war umgeben von einem doppelten Stacheldrahtzaun und verfügte über einen Appellplatz, acht Baracken als Unterkünfte der Häftlinge, eine Schreibstube, ein Krankenrevier, ein Wirtschaftsgebäude, Sanitärgebäude, eine Kleiderkammer sowie eine eigene Quarantäneanstalt, zur Bekämpfung von Infektionen und Epidemien.
Ca. 1.000 KZ-Häftlinge mussten für die Deschimag/A.G.Weser in den Metallwerkstätten des obengenannten Hochbaus auf dem Gelände der Bremer Wollkämmerei arbeiten. Ein zweites Arbeitskommando wurde bis zum 24. Dezember 1944 täglich per Schiff zur Stammwerft der AG Weser in Bremen-Gröpelingen gebracht. Danach wurden 200 von ihnen ins KZ Lager „Schützenhof“ in Gröpelingen überstellt. Für andere Häftlinge der Bahrsplate gab es zeitweise Arbeitseinsätze beim Bau der U-Boot Werft „Valentin„.
Von August ’44 bis April ’45 verloren im „Lager Blumenthal“ mindestens 125 der fast 1.200 Häftlinge ihr Leben.
Die größten Häftlingsgruppen in diesem Lager stellten die Belgier (siehe Bild vom ehem. Häftling Jean-Marie van den Eynde), Franzosen, Polen, Dänen, Tschechen und Sowjets; zeitweise gab es außerdem einen gesonderten Block mit jüdischen Häftlingen, die aus dem KZ Sachsenhausen nach Bremen-Nord überführt worden waren.
Die Wachmannschaften bestanden aus einer kleinen Zahl von SS-er und aus frontuntauglichen Marinesoldaten. Kommandoführer war der SS-Hauptscharführer Richard-Johann vom Endt. Die Gefangenen wurden im Auftrag der SS von ca. 20 deutschen Funktionshäftlingen im Schach gehalten. Die waren als Berufsverbrecher kategorisiert und trugen einen grünen Winkel auf ihre Kleidung, damit sie von den sonstigen Häftlingen unterschieden werden konnten. Ihr Anführer war der Chef-Kapo Karl Decker. Die meisten dieser Funktionshäftlinge übten brutale Gewalt aus bei der Disziplinierung der Häftlinge.

Für das Lager ist ein spektakulärer, aber leider misslungener Ausbruchsversuch dokumentiert. Französischen Häftlingen gelang in mühevoller Nachtarbeit der Bau eines Tunnels von der längs der Weser gelegenen Baracke 7 unter dem doppelten Stacheldrahtzaun hindurch. Da der Tunnel jedoch ungenügend abgestützt war, brach er unter dem Gewicht eines Fahrzeugs zusammen.

Am Rande des Ortes Blumenthal gelegen, konnte das Lager von Anwohner/innen eingesehen werden. Als am 29. Oktober 1944 zwei Polen auf dem Appellplatz gehenkt wurden, wurden neben den angetretenen Häftlinge und Wachmannschaften auch viele Blumenthaler Zeugen dieser Hinrichtung.

Vermutlich am Montag, d. 9. April 1945 wurde das Lager evakuiert, in dem man die Gefangenen von Blumenthal zum KZ-Lager in Farge-Rekum brachte. Bereits am 7. April waren Gefangene aus dem KZ Schützenhof in Gröpelingen zurück an die Bahrsplate geführt worden.
Von Farge-Rekum wurde der Todesmarsch mit allen Gefangenen in Richtung Neuengamme in Gang gesetzt. Vorher hatte die SS im Lager sämtliche Akten verbrennen lassen.

Trotz Ermittlungen deutscher und ausländischer Justizstellen wurde keine der Täter, die für das brutale Regime im Lager verantwortlich waren, strafrechtlich zur Verantwortung gezogen.

Nach der Befreiung wurde das Lager an der Bahrsplate vorübergehend von polnischen „Displaced Persons“ bewohnt. Anschließend zogen Flüchtlingsfamilien aus dem Osten ein. Die letzten Baracken auf dem Gelände wurden abgerissen, nachdem sie 1962 bei einer Sturmflut unbewohnbar geworden waren.

Heute erinnern die Gedenkstätte “Rosen für die Opfer” und die Skulptur “Stein der Hoffnung” an das ehemalige Lager. Bisher sind die Namen von 124 Häftlingen bekannt und in den Steinen eingraviert, die an Krankheit, Hunger, Misshandlungen und Vernachlässigung zugrunde gegangen sind. Die Gedenkstätte und die Skulptur gehen zurück auf die Initiative des antifaschistischen Arbeitskreises bzw. der Internationalen Friedensschule des Gustav-Heinemann-Bürgerhauses in Vegesack.
Der „Stein der Hoffnung“ wurde von einer Klasse der Berufsschule an der Alwin Lonke Straße entworfen und errichtet.

Quelle: Karsten Ellebrecht „Ihr habt keinen Namen mehr! Die Geschichte des KZ-Außenlagers Bremen-Blumenthal“, Edition Falkenberg.

Weitere Informationen zur Situation von Kriegsgefangenen stehen hier zum Download bereit:

  • Arbeitskräftemangel vor dem Krieg PDF
  • Bremen als Rüstungsstandort PDF
  • Nicht Schutz der Genfer Konvention PDF
  • Arbeitskräftebedarf und Ausländereinsatz im Krieg PDF
  • Vergessene Opfer PDF
  • Entschädigungsdebatte PDF
D. Luftangriff auf Vulkan Werft und Wollkämmerei

Am 18. März 1943 erfolgte der 108. Luftangriff auf Bremen. Der Fliegeralarm wurde um 15.00 Uhr ausgelöst, gegen 15.20 Uhr flogen etwa 30 US-Bomber aus nördlicher Richtung die Stadt an. Der Angriff richtete sich gegen die Vulkan-Werft in Vegesack und die Wollkämmerei in Blumenthal. Es wurden 133 Sprengbomben abgeworfen, fast sämtlich in der Größe á 1100 lbs, das entsprach 498,95 kg. Die Wirkung des Angriffes war erheblich, gemeldet wurden 129 Tote, 35 Schwer- und 31 Leichtverletzte . Entwarnung war um 16.12 Uhr.

Quelle: Fritz Peters, „Zwölf Jahre Bremen 1933 – 1945“

E. Klaas Touber

Klaas Touber wurde am 27.7.1922 in Amsterdam geboren und starb am 23.01.2011 in Almere. Er war verheiratet mit Dirkje Touber-geb. van der Tweel und  hatte zwei Kinder.

Anfang 1943 wurde Klaas Touber als 20-Jähriger zwangsweise von den Nazis, die sein Land besetzt hatten, zum Arbeiten nach Deutschland verschleppt. In Bremen wurde er als Zwangsarbeiter auf der Vulkan Werft in Bremen-Vegesack beschäftigt. Neben der ständigen Angst vor Repressalien litt er auch unter den dauernden Bombardements auf der Werft. Im März 1943 gab es z. B. bei einem Luftangriff in Vegesack hunderte von Toten.

Später wurde Klaas Touber als Bestrafung für eine tätlichen Streit mit einem deutschen Vorarbeiter ins Arbeits- und Erziehungslager (AEL) Farge gesteckt. Sein niederländischer Freund, der ihm während der Schlägerei geholfen hatte, kam gleich ins KZ Neuengamme und wurde dort ermordet.

Im AEL wurde Touber als Schutzgefangener beim Bau des U-Boot Bunkers Valentin eingesetzt. Die Zeit im AEL Farge hat ihn sein ganzes Leben belastet und erzeugte bei ihm einen tiefen Hass auf die Deutschen insgesamt.

In der Therapiegruppe vom niederländischen Psychiater Dr. Keilson, selbst ein rassisch Verfolgter des Nazi Regimes, dessen Familie aus Deutschland in die Niederlande geflüchtet war, lernte Klaas, dass Versöhnung notwendig ist. Er bekam Kontakt zum Gustav-Heinemann Bürgerhaus in Vegesack, sprach dort öffentlich über seine Erlebnisse als Zwangsarbeiter und als einer der letzten Überlebenden des AEL Farge.

Gemeinsam mit André Migdal und Raymond Portefaix, zwei ehem. französische Gefangene des KZ Farge (Außenlager vom KZ Neuengamme) schrieb Klaas Touber das Buch „Hortensien in Farge“, in dem er eine Hortensie, die Mitten in diesem Ort der Gewalt und Elend blüht, als Hoffnung auf eine bessere Zukunft beschreibt.
Klaas Touber ist Träger des Bremer Friedenspreises, er verstarb am 23.1.2011 an seinem Wohnort Almere in der Nähe von Amsterdam. Kurz vor seinem Tod hat er ein ausführliches Interview gegeben, das auf Film festgehalten worden ist. Der Film soll der Öffentlichkeit im Rahmen der Realisierung des Projekts „Bunker Valentin“ durch die Landeszentrale für politische Bildung, Bremen, vorgestellt werden.

F. HJ-Gebietstreffen in Vegesack

Lühr Hogrefe organisierte Pfingsten 1933 in Bremen ein HJ-Gebietstreffen im SAJ-Heim in der Lindenstraße in Vegesack.
Auf seine Anordnung hin mussten daran alle gleichgeschalteten Jugendverbände teilnehmen.

Dieses Video wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Landesfilmarchiv, Bremen.

G. Ludwig Baumann: einer der sich wehrte!

Ludwig Baumann (13.12.1921 – 05.07.2018), geborener Hamburger, später wohnhaft in Bremen, war während des Zweiten Weltkrieges bei der Kriegsmarine in Bordeaux/Frankreich stationiert. Gemeinsam mit seinem Freund Kurt Oldenburg entschied sich der Matrosengefreite Baumann 1942 zur Fahnenflucht. An diesem Angriffskrieg wollten die beiden nicht teilnehmen. Freunde brachten im Frühjahr 1942 die Fahnenflüchtigen zur französischen Demarkationslinie. Dort wurden sie von einer Zollstreife erwischt. Obwohl sie sich zuvor aus der Waffenkammer Pistolen besorgt hatten, wagten sie es nicht, sich freizuschießen. Ludwig Baumann: „Wir konnten einfach keine Menschen töten!“ Beide wurden daraufhin am 30. Juni 1942 zum Tode durch Erschießen verurteilt. Erst nach zehn Monaten, vor dem Abtransport ins berüchtigte Moorlager Esterwegen, wurde Ludwig Baumann mitgeteilt, dass ihn der Oberbefehlshalber der Kriegsmarine bereits nach sieben Wochen zu zwölf Jahren Zuchthaus begnadigt hatte. Später kam er noch ins Wehrmachtsgefängnis nach Torgau. Zuletzt wurde er, wie auch Kurt Oldenburg, in die berüchtigte Strafdivision 500 versetzt, ein Himmelfahrtskommando, denn sie wurden als Kanonenfutter an die Front geschickt. Oldenburg kam ums Leben, Ludwig Baumann überlebte den Krieg. Später zog er mit seiner Familie nach Bremen.

Als Deserteur fand er in der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland nur Ablehnung und Ausgrenzung. Dies änderte sich erst mit der Friedensbewegung in den 80er-Jahren. Ludwig Baumann engagierte sich für die Rehabilitation der NS-Justizopfer, insbesondere für die Deserteure. Er gründete im Oktober 1990 die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, dessen Vorsitzender und Ehrenvorsitzender er lange war.

Das Gustav-Heinemann-Bürgerhaus in Bremen-Vegesack ehrte Ludwig Baumann und die vielen anderen Deserteure mit einem Denkmal. 2014 erhielt Ludwig Baumann von den Mitgliedern des Projektes „Internationale Friedensschule Bremen“ im Bürgerhaus den Friedenspreis Franco-Paselli. Daneben wurde Ludwig’s Wirken zur Rehabilitierung der Opfer der NS-Militärjustiz mit dem Aachener Friedenspreis und dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon in Bremen geehrt. Das Bundesverdienstkreuz lehnte er jedoch ab. Er wollte keine Auszeichnung, die auch Nazis erhalten hätten.

Mehr Infos zum Thema „Deserteure“ findet man bei der Bundesvereinigung.

H. Jüdische Bevölkerung in Bremen

Vermutlich haben sich erst in napoleonischer Zeit jüdische Bewohner in Bremen dauerhaft niedergelassen, denn seit ca. 1600 bestand hier für sie ein striktes Niederlassungsverbot, das bis 1803 Gültigkeit hatte. Zeitweilig durften jüdische Händler nicht einmal tagsüber die Stadt betreten, um ihre Waren anzubieten. Anders war es im heutigen Stadtteil Hastedt, der bis Anfang des 19.Jahrhunderts zum Königreich Hannover gehörte. Dort erhielt bereits 1785 Hesekiel Alexander die Erlaubnis, sich als Schutzjude ansiedeln zu dürfen.

Die Israelitische Gemeinde Bremen wurde 1803 gegründet. Zu ihrem ersten Vorsteher wurde 1813 Bendix Gumpel Schwabe aus Aumund gewählt. Ohne Frauen und Kinder wurden der Steuerbehörde seinerzeit 28 Gemeindemitglieder gemeldet. 1863 erhielt die Israelitische Gemeinde die Rechte einer juristischen Person. 1896 wurde der erste bremische Rabbiner Dr. Leopold Rosenak eingestellt. In der Folge etablierte sich eine Gemeinde mit vielfältigen Aufgaben: u.a. wurden ein Kranken-Wohltätigkeits-Verein, ein Frauenverein sowie ein Jugendverein gegründet, es wurden eine Ritual-Badeanstalt, eine Synagoge und eine Friedhofskapelle eingerichtet. 1925 wurde das Altersheim in Gröpelingen eingeweiht.

Die Haupt­syn­ago­ge be­fand sich in der Gartenstraße 6 (heute Kol­ping­stra­ße). Eine wei­te­re klei­ne­re, gut 100 Be­su­cher fas­sen­de Syn­ago­ge, stand im Orts­teil Au­mund. Die Ge­mein­de be­saß mit dem Jüdischen Friedhof in der Has­ted­ter Deich­bruch­stra­ße auch eine ei­ge­ne Be­gräb­nis­stät­te. Die jüdische Gemeinde zähl­te 1933 lt. Volkszählung 1.314 Mit­glie­der, 1939 waren es nur noch 684.

Wie im ge­sam­ten Deut­schen Reich wur­den die Ju­den auch hier dis­kri­mi­niert und ver­folgt. We­ni­ge Wo­chen nach der Macht­über­nah­me durch die NS­DAP kam es be­reits zu of­fe­nen An­fein­dun­gen, die am 1. April 1933 in ei­nem von der SA or­ga­ni­sier­ten und über­wach­ten Boykott jüdischer Geschäfte gip­fel­ten. In der Pogromnacht am 9./10. November 1938 wurden fünf Personen ermordet, Geschäfte demoliert und geplündert sowie die beiden Synagogen und die Friedhofskapelle niedergebrannt. 178 Männer wurden in das KZ Sachsenhausen eingewiesen. 1941 begannen die Deportationen, am 18. November 1941 ins Ghetto Minsk , am 23. Juli 1942 und am 14. Februar 1945 ins Ghetto Theresienstadt. Insgesamt sind 3.733 Personen in einem Erinnerungsbuch aufgeführt, die als Zugehörige zur jüdischen Glaubensgemeinschaft oder nach Kriterien der nationalsozialistischen Rassegesetzgebung als Juden verfolgt wurden. 765 Männer und Frauen wurden davon in Lagern ermordet. 1.034 Menschen konnten rechtzeitig emigrieren.

Katalog anti-jüdischer Maßnahmen in Bremen

Quellen:

  • Max Markreich, Geschichte der Juden in Bremen und Umgegend, Schriftenreihe „Erinnern für die Zukunft e.V.“, Bd. 1, Bremen 2003
  • Peter Meier-Hüsing, Israelitische Gemeinde. In: ders., Religiöse Gemeinschaften in Bremen. Ein Handbuch, Marburg, 1990, S. 13-17
  • Günther Rohdenburg, Karl-Ludwig Sommer, Erinnerungsbuch für die als Juden verfolgten Einwohner Bremens, Kleine Schriften des Staatsarchivs Bremen Nr. 37, Bremen 2006
I. Widerstand eines Grohner Arbeitersportlers

Hermann Cornelius war als Arbeitersportler Gründer und Leiter des Arbeiter-Schachklubs in Grohn. Am 30. Januar 1933 wurde er verhaftet und bis Ende Mai 1933 im Gerichtsgefängnis Bremen-Lesum in „Schutzhaft“ gehalten und mehrfach verprügelt. Trotzdem setzte er seinen Widerstand danach fort.

Am 26. Oktober 1936 wurde er erneut verhaftet und am 16. März 1938 wegen Hochverrats zu 2 Jahren und 3 Monaten Zuchthaus verurteilt. Nach der Entlassung aus dem Zuchthaus Oslebshausen im Juni 1941 nahm Cornelius wieder Kontakt auf zu seinen Genossen und beteiligte sich am Widerstandsnetz der Werftarbeiter Leo Drabent und Hans Neumann und der Bästlein-Jacob-Abshagen-Gruppe.

Am 29. März 1943 erfolgte seine erneute Verhaftung. Am 13. Oktober 1944 „verurteilte“ ihn der Volksgerichtshof wegen Hochverrats zu drei Jahren Zuchthaus. Zur Haft wurde er diesmal ins Zuchthaus Celle verlegt, wo er am 25. Februar 1945 infolge der Misshandlungen durch die Gestapo starb.

Vor seinem letzten Wohnhaus in der Friedrich-Humbert-Straße in Bremen-Grohn wurde ein Stolperstein verlegt.

In einem Ausschnitt eines Video-Interviews mit dem USC Shoah Foundation Institute schildert der Zeitzeuge Willy Hundertmark den Eindruck, den er zur Funktion des Arbeitersports hatte:

J. Walerjan Wróbel

Am 25. August 1942 wurde um 06.15 Uhr der damals 17-jährige Walerjan Wróbel in der Hamburger Untersuchungshaftanstalt  mit dem Fallbeil hingerichtet.
Der junge polnische Zwangsarbeiter, geboren am 2. April 1925, hatte an seiner Arbeitsstätte, einem Bauernhof in Lesum/Bremen, in einer Scheune ein Feuer angezündet, in der Hoffnung, die Deutschen würden ihn deswegen zurück nach Hause schicken. Die Tochter des Bauers zeigte ihn jedoch bei der Gestapo an. Obwohl kein nennenswerter Sachschaden entstanden war und er selbst beim Löschen des Feuers half, wurde er April 1941 gestellt und am 28. Juni 1941 von Bremen aus zum KZ Neuengamme bei Hamburg verlegt.
Am 8. August 1942 verurteilte das Bremer Sondergericht am Landgericht den jungen Polen nach § 3 der Volksschädlingsverordnung zum Tode. Ein Gnadengesuch seines Verteidigers wurde abgelehnt.

Kurz nach der Besetzung Polens war Walerjan Wróbel, ein einfacher Bauernsohn aus Falków, 1939 von den deutschen Besatzungstruppen aus seiner Heimat nach Bremen verschleppt worden. Zuerst war er in einem Arbeitskommando in Hamburg beschäftigt, dann brachte man ihn nach Lesum.

Erst in den 80-Jahren des zwanzigsten Jahrhundert fand man im Staatsarchiv Bremen die Akten des Prozesses gegen Walerjan Wróbel. Der Autor/Jurist Christoph Schminck-Gustavus schrieb daraufhin das Buch „Das Heimweh des Walerjan Wróbel“. Außerdem gründete er gemeinsam mit anderen zur Erinnerung an die Zwangsarbeit in Bremen einen Verein mit dem Namen des jungen Polen.

Quellen:
„Das Heimweh des Walerjan Wróbel“ von Christoph Schminck-Gustavus (1986, Verlag J. H. W. Dietz Verlag)
„Vergessene Opfer – die Erinnerungsarbeit des Vereins Walerjan Wróbel“ (2007, Staatsarchiv Bremen)
„Strafjustiz im totalen Krieg – Aus den Akten des Sondergerichts 1940-1945“, Band 2, von Hans Wrobel und Henning Maul-Backer, Steintor: Bremen Verlags- und Buchhandlungsgesellschaft mbH & Co

Weitere allgemeine Informationen zur Situation von Kriegsgefangenen stehen hier zum Download bereit:

  • Arbeitskräftebedarf und Ausländereinsatz im Krieg PDF
  • Vergessene Opfer PDF
  • Entschädigungsdebatte PDF